I-II, q. 32 a. 3
Verursachen Hoffnung und Gedächtnis Lust?
Quaestio 32 · Von der Ursache der Lust
Einwand 1: Es scheint, dass Gedächtnis und Hoffnung keine Lust verursachen. Denn Lust wird durch ein gegenwärtiges Gut verursacht, wie Damascener sagt (De Fide Orth. ii, 12). Aber Hoffnung und Gedächtnis beziehen sich auf das Abwesende: da das Gedächtnis vom Vergangenen ist und die Hoffnung vom Zukünftigen. Also verursachen Gedächtnis und Hoffnung keine Lust.
Einwand 2: Ferner ist dasselbe Ding nicht die Ursache von Gegensätzen. Aber Hoffnung verursacht Betrübnis, gemäß Spr 13,12: „Hoffnung, die sich verzögert, ängstigt die Seele.“ Also verursacht Hoffnung keine Lust.
Einwand 3: Ferner, so wie Hoffnung mit der Lust darin übereinstimmt, dass sie das Gute betrachtet, so tun dies auch Begehren und Liebe. Daher sollte Hoffnung nicht mehr als Ursache der Lust zugeschrieben werden als Begehren oder Liebe.
Dagegen spricht, was geschrieben steht (Röm 12,12): „Seid fröhlich in der Hoffnung“; und (Ps 76,4): „Ich gedachte an Gott und war erfreut.“
Ich antworte darauf, dass Lust durch die Gegenwart eines angemessenen Gutes verursacht wird, insofern es empfunden oder auf irgendeine Weise wahrgenommen wird. Nun ist uns ein Ding auf zweifache Weise gegenwärtig. Erstens in der Erkenntnis – d.h. insofern das gewusste Ding im Wissenden durch sein Abbild ist; zweitens in der Realität – d.h. insofern ein Ding in einer realen Verbindung irgendeiner Art mit einem anderen ist, entweder aktuell oder potentiell. Und da die reale Verbindung größer ist als die Verbindung durch Abbild, welche die Verbindung der Erkenntnis ist; und wiederum, da die aktuelle Verbindung größer ist als die potentielle: deshalb ist die größte Lust jene, die aus der Sinnesempfindung entsteht, welche die Gegenwart des sinnlichen Gegenstandes erfordert. Den zweiten Platz nimmt die Lust der Hoffnung ein, worin eine lustvolle Verbindung besteht, nicht nur in Bezug auf die Auffassung, sondern auch in Bezug auf das Vermögen oder die Kraft, den lustvollen Gegenstand zu erlangen. Den dritten Platz nimmt die Lust des Gedächtnisses ein, welche nur die Verbindung der Auffassung hat.
Antwort auf den ersten Einwand: Hoffnung und Gedächtnis sind zwar von Dingen, die, absolut gesprochen, abwesend sind: und doch sind jene auf eine gewisse Weise gegenwärtig, d.h. entweder nur gemäß der Auffassung; oder gemäß der Auffassung und der Möglichkeit, zumindest der angenommenen, der Erlangung.
Antwort auf den zweiten Einwand: Nichts hindert daran, dass dasselbe Ding auf verschiedene Weisen die Ursache von Gegensätzen ist. Und so verursacht Hoffnung, insofern sie eine gegenwärtige Einschätzung eines zukünftigen Gutes impliziert, Lust; wohingegen sie, insofern sie die Abwesenheit jenes Gutes impliziert, Betrübnis verursacht.
Antwort auf den dritten Einwand: Auch Liebe und Begierde verursachen Lust. Denn alles, was geliebt wird, wird dem Liebenden angenehm, da Liebe eine Art Vereinigung oder Wesensverwandtschaft von Liebendem und Geliebtem ist. In gleicher Weise ist jeder Gegenstand des Begehrens demjenigen angenehm, der begehrt, da Begehren hauptsächlich ein Verlangen nach Lust ist. Jedoch wird die Hoffnung, da sie eine Gewissheit der realen Gegenwart des angenehmen Gutes impliziert, die weder durch Liebe noch durch Begierde impliziert wird, vorzugsweise vor diesen als Ursache der Lust gerechnet; und auch vorzugsweise vor dem Gedächtnis, welches von dem ist, was bereits vergangen ist.