I-II, q. 32 a. 2
Ist Bewegung eine Ursache der Lust?
Quaestio 32 · Von der Ursache der Lust
Einwand 1: Es scheint, dass Bewegung keine Ursache der Lust ist. Denn wie oben dargelegt (Quaestio [31], Artikel [1]), ist das Gut, welches erlangt und aktuell besessen wird, die Ursache der Lust: weshalb der Philosoph sagt (Ethic. vii, 12), dass Lust nicht mit dem Werden, sondern mit der Tätigkeit einer bereits existierenden Sache verglichen wird. Dasjenige nun, was auf etwas hin bewegt wird, hat es noch nicht; sondern es wird sozusagen in Bezug darauf erst gezeugt, insofern Werden oder Vergehen mit jeder Bewegung verbunden sind, wie in Phys. viii, 3 dargelegt ist. Also ist Bewegung keine Ursache der Lust.
Einwand 2: Ferner ist Bewegung die Hauptursache von Mühsal und Ermüdung in unseren Werken. Aber Tätigkeiten sind, indem sie mühsam und ermüdend sind, nicht angenehm, sondern unangenehm. Also ist Bewegung keine Ursache der Lust.
Einwand 3: Ferner impliziert Bewegung eine gewisse Neuerung, welche das Gegenteil von Gewohnheit ist. Aber Dinge, „an die wir gewöhnt sind, sind angenehm“, wie der Philosoph sagt (Rhet. i, 11). Also ist Bewegung keine Ursache der Lust.
Dagegen spricht, was Augustinus sagt (Confess. viii, 3): „Was bedeutet dies, o Herr mein Gott, da Du doch ewige Freude für Dich selbst bist und einige Dinge um Dich herum sich immerdar in Dir freuen? Was bedeutet dies, dass dieser Teil der Dinge abebbt und flutet, abwechselnd missfallen und versöhnt?“ Aus diesen Worten entnehmen wir, dass der Mensch sich freut und Lust an gewissen Veränderungen findet: und daher scheint Bewegung Lust zu verursachen.
Ich antworte darauf, dass drei Dinge für die Lust erforderlich sind; zwei, d.h. derjenige, der erfreut wird, und der lustvolle Gegenstand, der mit ihm verbunden ist; und ein drittes, welches die Erkenntnis dieser Verbindung ist: und in Bezug auf diese drei ist Bewegung angenehm, wie der Philosoph sagt (Ethic. vii, 14 und Rhetor. i, 11). Denn was uns betrifft, die wir Lust empfinden, ist Veränderung uns angenehm, weil unsere Natur veränderlich ist: weshalb das, was uns zu einer Zeit angemessen ist, zu einer anderen nicht angemessen ist; so ist es für den Menschen im Winter angemessen, sich an einem Feuer zu wärmen, aber nicht im Sommer. Wiederum ist Veränderung seitens des angenehmen Gutes, welches mit uns vereint ist, angenehm. Denn die fortgesetzte Einwirkung eines Agens verstärkt dessen Wirkung: so wird eine Person, je länger sie nahe am Feuer bleibt, desto mehr gewärmt und getrocknet. Nun besteht die natürliche Seinsweise in einem gewissen Maß; und wenn daher die fortgesetzte Anwesenheit eines angenehmen Gegenstandes das Maß der eigenen natürlichen Seinsweise überschreitet, wird die Entfernung dieses Gegenstandes angenehm. Seitens der Erkenntnis selbst (wird Veränderung angenehm), weil der Mensch begehrt, etwas ganz und vollkommen zu erkennen: wenn daher ein Ding nicht auf einmal als Ganzes erfasst werden kann, ist Veränderung in einem solchen Ding angenehm, sodass ein Teil vergehen und ein anderer nachfolgen kann und so das Ganze wahrgenommen wird. Daher sagt Augustinus (Confess. iv, 11): „Du wolltest nicht, dass die Silben bleiben, sondern dass sie entfliehen, damit andere kommen mögen und du das Ganze hörst. Und so, wann immer irgendein Ding aus vielen besteht, die nicht alle zugleich existieren, würden alle zusammen mehr erfreuen als einzeln, wenn alle zusammen wahrgenommen werden könnten.“
Wenn es also irgendein Ding gäbe, dessen Natur unveränderlich ist; dessen natürliche Seinsweise durch die Fortdauer irgendeines angenehmen Gegenstandes nicht überschritten werden kann; und welches den ganzen Gegenstand seiner Wonne auf einmal schauen kann – einem solchen würde Veränderung keine Wonne gewähren. Und je mehr irgendwelche Lüste sich diesem annähern, desto fähiger sind sie, beständig zu sein.
Antwort auf den ersten Einwand: Obwohl das Subjekt der Bewegung noch nicht vollkommen das hat, wohin es bewegt wird, so beginnt es doch, etwas davon zu haben: und in dieser Hinsicht hat die Bewegung selbst etwas von Lust. Aber sie bleibt hinter der Vollkommenheit der Lust zurück; denn die vollkommeneren Lüste betreffen Dinge, die unveränderlich sind. Überdies wird Bewegung zur Ursache der Lust, insofern dadurch etwas, das zuvor unangemessen war, angemessen wird oder aufhört zu sein, wie oben dargelegt.
Antwort auf den zweiten Einwand: Bewegung verursacht Mühsal und Ermüdung, wenn sie unsere natürliche Eignung überschreitet. Nicht auf diese Weise verursacht sie Lust, sondern indem sie die Hindernisse für unsere natürliche Eignung beseitigt.
Antwort auf den dritten Einwand: Was gewohnt ist, wird angenehm, insofern es natürlich wird: denn Gewohnheit ist wie eine zweite Natur. Aber die Bewegung, die Lust bereitet, ist nicht jene, die von der Gewohnheit abweicht, sondern vielmehr jene, die das Verderben der natürlichen Seinsweise verhindert, das aus fortgesetzter Tätigkeit resultieren könnte. Und so werden aus derselben Ursache der Wesensverwandtschaft sowohl Gewohnheit als auch Bewegung angenehm.