I-II, q. 31 a. 7
Ob irgendeine Lust nicht natürlich ist?
Quaestio 31 · Von der Lust an sich betrachtet
Einwand 1: Es scheint, dass keine Lust nicht natürlich ist. Denn Lust ist für die Gemütsbewegungen der Seele, was Ruhe für die Körper ist. Aber das Begehren eines natürlichen Körpers ruht nicht außer an einem konnaturalen Ort. Daher kann auch die Ruhe des tierischen Begehrungsvermögens, welche die Lust ist, nirgendwo anders sein als in etwas Konnaturalem. Also ist keine Lust nicht-natürlich.
Einwand 2: Ferner ist das, was gegen die Natur ist, gewaltsam. Aber „alles, was gewaltsam ist, verursacht Schmerz“ (Metaph. v, 5). Also kann nichts, was unnatürlich ist, Lust bereiten.
Einwand 3: Ferner gibt die Tatsache, in der eigenen Natur festgesetzt zu sein, wenn sie wahrgenommen wird, Anlass zur Lust, wie aus der oben zitierten Definition des Philosophen ersichtlich ist (Artikel [1]). Aber es ist jedem Ding natürlich, in seiner Natur festgesetzt zu sein; weil die natürliche Bewegung zu einem natürlichen Ziel tendiert. Also ist jede Lust natürlich.
Dagegen spricht, dass der Philosoph sagt (Ethic. vii, 5,6), dass einige Dinge angenehm sind „nicht von Natur aus, sondern aufgrund von Krankheit“.
Ich antworte darauf, dass wir von dem als natürlich sprechen, was in Übereinstimmung mit der Natur ist, wie in Phys. ii, 1 dargelegt. Nun kann im Menschen Natur auf zwei Arten aufgefasst werden. Erstens, insofern Intellekt und Vernunft der vornehmste Teil der menschlichen Natur sind, da er in Bezug darauf seine eigene spezifische Natur hat. Und in diesem Sinne können jene Lüste für den Menschen natürlich genannt werden, die von Dingen stammen, die dem Menschen in Bezug auf seine Vernunft zukommen: zum Beispiel ist es für den Menschen natürlich, Lust an der Betrachtung der Wahrheit und am Tun von Werken der Tugend zu haben. Zweitens kann Natur im Menschen als Gegensatz zur Vernunft aufgefasst werden, und als Bezeichnung dessen, was dem Menschen und anderen Tieren gemeinsam ist, besonders jener Teil des Menschen, der der Vernunft nicht gehorcht. Und in diesem Sinne wird gesagt, dass das, was zur Erhaltung des Körpers gehört, entweder in Bezug auf das Individuum, wie Essen, Trinken, Schlaf und dergleichen, oder in Bezug auf die Art, wie der Geschlechtsverkehr, dem Menschen natürliche Lust gewährt. Unter jeder Art von Lüsten finden wir einige, die absolut gesprochen „nicht natürlich“ sind, und doch in gewisser Hinsicht „konnatural“. Denn es geschieht in einem Individuum, dass irgendeines der natürlichen Prinzipien der Art verdorben ist, so dass etwas, das der spezifischen Natur entgegengesetzt ist, für dieses Individuum akzidentell natürlich wird: so ist es für dieses heiße Wasser natürlich, Wärme zu geben. Folglich geschieht es, dass etwas, das für den Menschen nicht natürlich ist, entweder in Bezug auf die Vernunft oder in Bezug auf die Erhaltung des Körpers, für diesen individuellen Menschen konnatural wird, aufgrund dessen, dass in ihm eine gewisse Verderbnis der Natur vorliegt. Und diese Verderbnis kann entweder auf Seiten des Körpers sein – durch irgendein Leiden; so scheinen einem Menschen, der an Fieber leidet, süße Dinge bitter, und umgekehrt – oder durch ein übles Temperament; so haben einige Lust daran, Erde und Kohlen und dergleichen zu essen; oder auf Seiten der Seele; so haben einige aus Gewohnheit Lust an Kannibalismus oder am unnatürlichen Verkehr von Mensch und Tier oder anderen solchen Dingen, die nicht in Übereinstimmung mit der menschlichen Natur sind.
Dies genügt für die Antworten auf die Einwände.