I-II, q. 31 a. 2
Ob die Lust in der Zeit ist?
Quaestio 31 · Von der Lust an sich betrachtet
Einwand 1: Es scheint, dass die Lust in der Zeit ist. Denn „die Lust ist eine Art Bewegung“, wie der Philosoph sagt (Rhet. i, 11). Aber alle Bewegung ist in der Zeit. Also ist die Lust in der Zeit.
Einwand 2: Ferner wird von einem Ding gesagt, es dauere lange und sei verweilend in Bezug auf die Zeit. Aber manche Lüste werden verweilend (morosae) genannt. Also ist die Lust in der Zeit.
Einwand 3: Ferner sind die Leidenschaften der Seele von ein und derselben Gattung. Aber einige Leidenschaften der Seele sind in der Zeit. Also ist es auch die Lust.
Dagegen spricht, dass der Philosoph sagt (Ethic. x, 4), dass „niemand Lust empfindet gemäß der Zeit“.
Ich antworte darauf, dass ein Ding auf zwei Arten in der Zeit sein kann: erstens durch sich selbst; zweitens aufgrund von etwas anderem und gleichsam akzidentell. Denn da die Zeit das Maß aufeinanderfolgender Dinge ist, werden jene Dinge durch sich selbst als in der Zeit seiend bezeichnet, denen die Aufeinanderfolge oder etwas zur Aufeinanderfolge Gehöriges wesentlich ist: solche sind Bewegung, Ruhe, Rede und dergleichen. Andererseits werden jene Dinge als in der Zeit seiend bezeichnet aufgrund von etwas anderem und nicht durch sich selbst, denen die Aufeinanderfolge nicht wesentlich ist, die aber etwas Aufeinanderfolgendem unterworfen sind. So ist die Tatsache, ein Mensch zu sein, nicht wesentlich etwas Aufeinanderfolgendes; da es keine Bewegung ist, sondern der Endpunkt einer Bewegung oder Veränderung, nämlich dieses Gezeugtwerdens: doch weil das Menschsein veränderlichen Ursachen unterworfen ist, ist das Menschsein in dieser Hinsicht in der Zeit.
Demgemäß müssen wir sagen, dass die Lust durch sich selbst in der Tat nicht in der Zeit ist: denn sie bezieht sich auf ein bereits erlangtes Gut, welches gleichsam der Endpunkt der Bewegung ist. Wenn aber dieses erlangte Gut der Veränderung unterworfen ist, wird die Lust daran akzidentell in der Zeit sein: wenn es hingegen gänzlich unveränderlich ist, wird die Lust daran nicht in der Zeit sein, weder aufgrund ihrer selbst noch akzidentell.
Antwort auf Einwand 1: Wie in De Anima iii, 7 dargelegt wird, ist die Bewegung zweifach. Die eine ist „der Akt von etwas Unvollkommenem, d.h. von etwas, das in Potenz existiert, als solches“: diese Bewegung ist aufeinanderfolgend und in der Zeit. Eine andere Bewegung ist „der Akt von etwas Vollkommenem, d.h. von etwas, das im Akt existiert“, z.B. verstehen, empfinden und wollen und dergleichen, sowie auch Lust haben. Diese Bewegung ist nicht aufeinanderfolgend, noch ist sie durch sich selbst in der Zeit.
Antwort auf Einwand 2: Die Lust wird als langanhaltend oder verweilend bezeichnet, insofern sie akzidentell in der Zeit ist.
Antwort auf Einwand 3: Andere Leidenschaften haben nicht ein erlangtes Gut zum Objekt, wie die Lust es hat. Daher ist in ihnen mehr von der Bewegung des Unvollkommenen als in der Lust. Und folglich kommt es der Lust mehr zu, nicht in der Zeit zu sein.