I-II, q. 31 a. 1
Ob die Lust eine Leidenschaft ist?
Quaestio 31 · Von der Lust an sich betrachtet
Einwand 1: Es scheint, dass die Lust keine Leidenschaft ist. Denn Damascenus (De Fide Orth. ii, 22) unterscheidet die Tätigkeit von der Leidenschaft und sagt, dass „die Tätigkeit eine Bewegung gemäß der Natur ist, die Leidenschaft aber eine Bewegung gegen die Natur.“ Die Lust aber ist eine Tätigkeit, gemäß dem Philosophen (Ethic. vii, 12; x, 5). Also ist die Lust keine Leidenschaft.
Einwand 2: Ferner heißt „Leiden“ „bewegt werden“, wie in Phys. iii, 3 dargelegt wird. Die Lust aber besteht nicht im Bewegtwerden, sondern im Bewegtwordensein; denn sie entsteht aus einem bereits erlangten Gut. Also ist die Lust keine Leidenschaft.
Einwand 3: Ferner ist die Lust eine gewisse Vollendung desjenigen, der sich ergötzt; denn sie „vollendet die Tätigkeit“, wie in Ethic. x, 4,5 gesagt wird. Vollendet zu werden besteht aber nicht im Leiden oder im Verändertwerden, wie in Phys. vii, 3 und De Anima ii, 5 dargelegt ist. Also ist die Lust keine Leidenschaft.
Dagegen spricht, dass Augustinus (De Civ. Dei ix, 2; xiv, 5 ff.) die Lust, die Freude oder die Fröhlichkeit zu den anderen Leidenschaften der Seele rechnet.
Ich antworte darauf, dass die Bewegungen des sinnlichen Begehrungsvermögens eigentlich Leidenschaften genannt werden, wie oben dargelegt wurde (Quaestio [22], Artikel [3]). Nun ist jede Gemütsbewegung, die aus einer sinnlichen Auffassung entsteht, eine Bewegung des sinnlichen Begehrungsvermögens: und dies muss notwendigerweise von der Lust gesagt werden, da gemäß dem Philosophen (Rhet. i, 11) „die Lust eine gewisse Bewegung der Seele ist und ein sinnliches Bestehen in der Natur der Sache, und zwar zugleich und als Ganzes.“
Um dies zu verstehen, muss man beachten, dass, so wie es bei den natürlichen Dingen geschieht, dass einige ihre natürlichen Vollkommenheiten erreichen, dies auch bei den Lebewesen geschieht. Und obwohl die Bewegung zur Vollkommenheit nicht auf einmal geschieht, so geschieht doch die Erlangung der natürlichen Vollkommenheit auf einmal. Nun besteht dieser Unterschied zwischen den Lebewesen und anderen natürlichen Dingen, dass letztere, wenn sie in dem ihrer Natur entsprechenden Zustand festgesetzt sind, dies nicht wahrnehmen, die Lebewesen hingegen schon. Und aus dieser Wahrnehmung entsteht eine gewisse Bewegung der Seele im sinnlichen Begehrungsvermögen; welche Bewegung Lust genannt wird. Indem wir also sagen, die Lust sei „eine Bewegung der Seele“, bezeichnen wir ihre Gattung. Indem wir sagen, sie sei „ein Bestehen in der Natur der Sache“, d.h. in dem, was in der Sache existiert, geben wir die Ursache der Lust an, nämlich die Gegenwart eines angemessenen Gutes. Indem wir sagen, dass dieses Bestehen „zugleich und als Ganzes“ ist, meinen wir, dass dieses Bestehen nicht als im Prozess des Festgesetztwerdens begriffen werden soll, sondern als in der Tatsache des vollständigen Festgesetztseins, gleichsam im Endpunkt der Bewegung: denn die Lust ist kein „Werden“, wie Platon [*Phileb. 32,33] behauptete, sondern eine „vollendete Tatsache“, wie in Ethic. vii, 12 dargelegt wird. Schließlich schließen wir, indem wir sagen, dass dieses Bestehen „sinnlich“ ist, die Vollkommenheiten der empfindungslosen Dinge aus, in denen es keine Lust gibt. Es ist daher offensichtlich, dass die Lust, da sie eine Bewegung des tierischen Begehrungsvermögens ist, die aus einer sinnlichen Auffassung entsteht, eine Leidenschaft der Seele ist.
Antwort auf Einwand 1: Die konnaturale Tätigkeit, die ungehindert ist, ist eine zweite Vollkommenheit, wie in De Anima ii, 1 dargelegt wird: und deshalb folgt, wenn ein Ding in seiner eigenen konnaturalen und ungehinderten Tätigkeit festgesetzt ist, die Lust, die in einem Zustand der Vollendung besteht, wie oben bemerkt. Wenn wir also sagen, dass die Lust eine Tätigkeit ist, bezeichnen wir nicht ihr Wesen, sondern ihre Ursache.
Antwort auf Einwand 2: Bei einem Lebewesen ist eine zweifache Bewegung zu beobachten: eine gemäß der Intention des Ziels, und diese gehört zum Begehrungsvermögen; die andere gemäß der Ausführung, und diese gehört zur äußeren Tätigkeit. Und so hört zwar bei demjenigen, der das Gut, an dem er sich ergötzt, bereits erlangt hat, die Bewegung der Ausführung auf, durch die er zum Ziel strebt; doch die Bewegung des Begehrungsvermögens hört nicht auf, da es sich, so wie es zuvor das begehrte, was es nicht hatte, danach an dem ergötzt, was es besitzt. Denn obwohl die Lust eine gewisse Ruhe des Begehrungsvermögens ist, wenn wir die Gegenwart des lustvollen Gutes betrachten, das das Begehren stillt, so bleibt dennoch der Eindruck, den das Objekt auf das Begehrungsvermögen macht, aufgrund dessen die Lust eine Art von Bewegung ist.
Antwort auf Einwand 3: Obwohl der Name Leidenschaft jenen Leidenschaften angemessener ist, die eine verderbliche und üble Tendenz haben, wie körperliche Leiden, sowie Traurigkeit und Furcht in der Seele; so haben doch einige Leidenschaften eine Tendenz zu etwas Gutem, wie oben dargelegt (Quaestio [23], Artikel [1],4): und in diesem Sinne wird die Lust eine Leidenschaft genannt.