I-II, q. 31 a. 3
Ob sich die Lust von der Freude unterscheidet?
Quaestio 31 · Von der Lust an sich betrachtet
Einwand 1: Es scheint, dass die Lust gänzlich dasselbe ist wie die Freude. Denn die Leidenschaften der Seele unterscheiden sich gemäß ihren Objekten. Aber Lust und Freude haben dasselbe Objekt, nämlich ein erlangtes Gut. Also ist die Freude gänzlich dasselbe wie die Lust.
Einwand 2: Ferner endet eine Bewegung nicht in zwei Endpunkten. Aber ein und dieselbe Bewegung, die des Begehrens, endet in Freude und Lust. Also sind Lust und Freude gänzlich dasselbe.
Einwand 3: Ferner, wenn sich die Freude von der Lust unterscheidet, scheint es, dass es den gleichen Grund gibt, Fröhlichkeit, Jubel und Heiterkeit von der Lust zu unterscheiden, so dass sie alle verschiedene Leidenschaften der Seele wären. Dies scheint aber unwahr zu sein. Also unterscheidet sich die Freude nicht von der Lust.
Dagegen spricht, dass wir bei vernunftlosen Tieren nicht von Freude sprechen; wohingegen wir bei ihnen von Lust sprechen. Also ist Freude nicht dasselbe wie Lust.
Ich antworte darauf, dass Freude, wie Avicenna feststellt (De Anima iv), eine Art von Lust ist. Denn wir müssen beachten, dass, so wie einige Begierden natürlich sind und einige nicht natürlich, sondern der Vernunft folgend, wie oben dargelegt (Quaestio [30], Artikel [3]), so auch einige Lüste natürlich sind und einige nicht natürlich, sondern vernunftgemäß. Oder, wie Damascenus (De Fide Orth. ii, 13) und Gregor von Nyssa [*Nemesius, De Nat. Hom. xviii.] es ausdrücken: „einige Lüste sind des Körpers, einige sind der Seele“; was auf dasselbe hinausläuft. Denn wir empfinden Lust sowohl an jenen Dingen, die wir von Natur aus begehren, wenn wir sie erlangen, als auch an jenen Dingen, die wir als Ergebnis der Vernunft begehren. Aber wir sprechen nicht von Freude, außer wenn die Lust der Vernunft folgt; und so schreiben wir vernunftlosen Tieren keine Freude zu, sondern nur Lust.
Nun kann alles, was wir von Natur aus begehren, auch Gegenstand des vernunftgemäßen Begehrens und der Lust sein, aber nicht umgekehrt. Folglich kann alles, was Gegenstand der Lust sein kann, bei vernunftbegabten Wesen auch Gegenstand der Freude sein. Und doch ist nicht alles immer Gegenstand der Freude; da man manchmal eine gewisse Lust im Körper empfindet, ohne sich darüber gemäß der Vernunft zu freuen. Und dementsprechend erstreckt sich die Lust auf mehr Dinge als die Freude.
Antwort auf Einwand 1: Da das Objekt des Begehrungsvermögens der Seele ein aufgefasstes Gut ist, gehört die Verschiedenheit der Auffassung in gewisser Weise zur Verschiedenheit des Objekts. Und so sind die Lüste der Seele, die auch Freuden genannt werden, verschieden von den körperlichen Lüsten, die nicht anders als Lüste genannt werden: wie wir oben in Bezug auf die Begierden bemerkt haben (Quaestio [30], Artikel [3], ad 2).
Antwort auf Einwand 2: Ein ähnlicher Unterschied ist auch bei den Begierden zu beobachten: so dass die Lust der Begierde (concupiscentia) entspricht, während die Freude dem Verlangen (desiderium) entspricht, welches mehr zur Begierde der Seele zu gehören scheint. Daher gibt es einen Unterschied der Ruhe, der dem Unterschied der Bewegung entspricht.
Antwort auf Einwand 3: Diese anderen Namen, die zur Lust gehören, leiten sich von den Wirkungen der Lust ab; denn „laetitia“ [Fröhlichkeit] leitet sich von der „Weitung“ (dilatatio) des Herzens ab, als ob man „latitia“ sagen würde; „Exultation“ [Jubel] leitet sich von den äußeren Zeichen innerer Lust ab, die nach außen treten, insofern die innere Freude aus ihren Grenzen hervorbrechen; und „Heiterkeit“ wird so genannt aufgrund gewisser besonderer Zeichen und Wirkungen der Fröhlichkeit. Doch scheinen alle diese Namen zur Freude zu gehören; denn wir verwenden sie nur, wenn wir von vernunftbegabten Wesen sprechen.