I-II, q. 3 a. 8
Ob die Glückseligkeit des Menschen in der Schau des göttlichen Wesens besteht?
Quaestio 3 · Was die Glückseligkeit ist
Einwand 1: Es scheint, dass die Glückseligkeit des Menschen nicht in der Schau des göttlichen Wesens besteht. Denn Dionysius sagt (Myst. Theol. i), dass der Mensch durch das, was das Höchste in seinem Intellekt ist, mit Gott als mit etwas gänzlich Unbekanntem vereint wird. Aber das, was in seinem Wesen gesehen wird, ist nicht gänzlich unbekannt. Daher besteht die letzte Vollkommenheit des Intellekts, nämlich die Glückseligkeit, nicht darin, dass Gott in seinem Wesen gesehen wird.
Einwand 2: Ferner gehört die höhere Vollkommenheit zur höheren Natur. Aber sein eigenes Wesen zu sehen, ist die dem göttlichen Intellekt eigene Vollkommenheit. Daher reicht die letzte Vollkommenheit des menschlichen Intellekts nicht hieran, sondern besteht in etwas Geringerem.
Dagegen spricht: Es steht geschrieben (1 Joh 3,2): „Wenn er erscheinen wird, werden wir ihm gleich sein; und [Vulg.: ‚weil‘] wir werden ihn sehen, wie er ist.“
Ich antworte darauf: Endgültige und vollkommene Glückseligkeit kann in nichts anderem bestehen als in der Schau des göttlichen Wesens. Um dies klarzumachen, müssen zwei Punkte beachtet werden. Erstens, dass der Mensch nicht vollkommen glücklich ist, solange ihm etwas zu begehren und zu suchen bleibt: zweitens, dass die Vollkommenheit jeder Kraft durch die Natur ihres Objekts bestimmt wird. Nun ist das Objekt des Intellekts „was ein Ding ist“, d. h. das Wesen eines Dinges, gemäß De Anima iii, 6. Weshalb der Intellekt Vollkommenheit erlangt, insofern er das Wesen eines Dinges erkennt. Wenn daher ein Intellekt das Wesen irgendeiner Wirkung erkennt, wodurch es nicht möglich ist, das Wesen der Ursache zu erkennen, d. h. von der Ursache zu erkennen, „was sie ist“, so kann von jenem Intellekt nicht gesagt werden, dass er jene Ursache schlechthin erreicht, wenngleich er fähig sein mag, aus der Wirkung die Erkenntnis zu gewinnen, dass die Ursache ist. Folglich, wenn der Mensch eine Wirkung erkennt und weiß, dass sie eine Ursache hat, bleibt im Menschen natürlicherweise das Begehren, über die Ursache zu wissen, „was sie ist“. Und dieses Begehren ist eines der Verwunderung und verursacht Nachforschung, wie am Anfang der Metaphysik (i, 2) dargelegt wird. Zum Beispiel, wenn ein Mensch, der die Sonnenfinsternis kennt, bedenkt, dass sie auf irgendeine Ursache zurückzuführen sein muss, und nicht weiß, was jene Ursache ist, wundert er sich darüber, und vom Wundern schreitet er fort zum Forschen. Noch hört dieses Forschen auf, bis er zu einer Erkenntnis des Wesens der Ursache gelangt.
Wenn daher der menschliche Intellekt, der das Wesen irgendeiner geschaffenen Wirkung erkennt, von Gott nicht mehr weiß als „dass er ist“, so erreicht die Vollkommenheit jenes Intellekts noch nicht schlechthin die Erste Ursache, sondern es bleibt in ihm das natürliche Begehren, die Ursache zu suchen. Weshalb er noch nicht vollkommen glücklich ist. Folglich benötigt der Intellekt für die vollkommene Glückseligkeit, das Wesen der Ersten Ursache selbst zu erreichen. Und so wird er seine Vollkommenheit durch die Vereinigung mit Gott als mit jenem Objekt haben, in welchem allein die Glückseligkeit des Menschen besteht, wie oben ausgeführt (Artikel [1], 7; Frage [2], Artikel [8]).
Antwort auf Einwand 1: Dionysius spricht von der Erkenntnis der Pilger, die zur Glückseligkeit unterwegs sind.
Antwort auf Einwand 2: Wie oben ausgeführt (Frage [1], Artikel [8]), hat das Ziel eine zweifache Bedeutung. Erstens hinsichtlich der Sache selbst, die begehrt wird: und auf diese Weise ist dasselbe Ding das Ziel der höheren und der niedrigeren Natur, und in der Tat aller Dinge, wie oben ausgeführt (Frage [1], Artikel [8]). Zweitens hinsichtlich der Erlangung dieser Sache; und so ist das Ziel der höheren Natur verschieden von dem der niedrigeren, gemäß ihren jeweiligen Verhältnissen zu jener Sache. So ist denn die Glückseligkeit Gottes, der, indem er sein Wesen versteht, es begreift (comprehendit), höher als die eines Menschen oder Engels, der es zwar sieht, aber nicht begreift.