I-II, q. 3 a. 1
Ob die Glückseligkeit etwas Ungeschaffenes ist?
Quaestio 3 · Was die Glückseligkeit ist
Einwand 1: Es scheint, dass die Glückseligkeit etwas Ungeschaffenes ist. Denn Boethius sagt (De Consol. iii): „Wir müssen bekennen, dass Gott die Glückseligkeit selbst ist.“
Einwand 2: Ferner ist die Glückseligkeit das höchste Gut. Es kommt aber Gott zu, das höchste Gut zu sein. Da es nun nicht mehrere höchste Güter gibt, scheint es, dass die Glückseligkeit dasselbe ist wie Gott.
Einwand 3: Ferner ist die Glückseligkeit das letzte Ziel, auf das der Wille des Menschen von Natur aus strebt. Der Wille des Menschen sollte aber auf nichts anderes als Ziel streben als auf Gott, den allein man genießen soll, wie Augustinus sagt (De Doctr. Christ. i, 5, 22). Daher ist die Glückseligkeit dasselbe wie Gott.
Dagegen spricht: Nichts Gemachtes ist ungeschaffen. Die Glückseligkeit des Menschen aber ist etwas Gemachtes; denn gemäß Augustinus (De Doctr. Christ. i, 3) sind „jene Dinge zu genießen, die uns glücklich machen“. Daher ist die Glückseligkeit nicht etwas Ungeschaffenes.
Ich antworte darauf: Wie oben ausgeführt (Frage [1], Artikel [8]; Frage [2], Artikel [7]), ist unser Ziel zweifach. Erstens gibt es die Sache selbst, die wir zu erlangen begehren: so ist für den Geizhals das Geld das Ziel. Zweitens gibt es die Erlangung oder den Besitz, den Gebrauch oder den Genuss der begehrten Sache; so können wir sagen, dass das Ziel des Geizhalses der Besitz des Geldes ist; und das Ziel des Unmäßigen ist es, etwas Lustvolles zu genießen. Im ersten Sinne also ist das letzte Ziel des Menschen das ungeschaffene Gut, nämlich Gott, der allein durch seine unendliche Güte den Willen des Menschen vollkommen befriedigen kann. Aber in der zweiten Weise ist das letzte Ziel des Menschen etwas Geschaffenes, das in ihm existiert, und dies ist nichts anderes als die Erlangung oder der Genuss des letzten Ziels. Nun wird das letzte Ziel Glückseligkeit genannt. Wenn wir also die Glückseligkeit des Menschen hinsichtlich ihrer Ursache oder ihres Objekts betrachten, dann ist sie etwas Ungeschaffenes; wenn wir sie aber hinsichtlich des Wesens der Glückseligkeit selbst betrachten, dann ist sie etwas Geschaffenes.
Antwort auf Einwand 1: Gott ist Glückseligkeit durch sein Wesen: denn er ist glücklich nicht durch Erwerb oder Teilhabe an etwas anderem, sondern durch sein Wesen. Andererseits sind die Menschen glücklich, wie Boethius sagt (De Consol. iii), durch Teilhabe; so wie sie auch „Götter“ durch Teilhabe genannt werden. Und diese Teilhabe an der Glückseligkeit, aufgrund derer der Mensch glücklich genannt wird, ist etwas Geschaffenes.
Antwort auf Einwand 2: Die Glückseligkeit wird das höchste Gut des Menschen genannt, weil sie die Erlangung oder der Genuss des höchsten Gutes ist.
Antwort auf Einwand 3: Die Glückseligkeit wird das letzte Ziel genannt, in derselben Weise, wie die Erlangung des Ziels das Ziel genannt wird.