I-II, q. 3 a. 2
Ob die Glückseligkeit eine Tätigkeit ist?
Quaestio 3 · Was die Glückseligkeit ist
Einwand 1: Es scheint, dass die Glückseligkeit keine Tätigkeit ist. Denn der Apostel sagt (Röm 6,22): „Ihr habt eure Frucht zur Heiligung, als Ende aber das ewige Leben.“ Aber Leben ist keine Tätigkeit, sondern das Sein der Lebenden selbst. Daher ist das letzte Ziel, welches die Glückseligkeit ist, keine Tätigkeit.
Einwand 2: Ferner sagt Boethius (De Consol. iii), dass Glückseligkeit „ein durch die Ansammlung aller Güter vollkommener Zustand“ ist. Ein Zustand aber bezeichnet keine Tätigkeit. Daher ist die Glückseligkeit keine Tätigkeit.
Einwand 3: Ferner bezeichnet Glückseligkeit etwas, das im Glücklichen existiert: da sie die letzte Vollkommenheit des Menschen ist. Die Bedeutung von Tätigkeit impliziert aber nichts im Tätigen Bestehendes, sondern eher etwas, das von ihm ausgeht. Daher ist die Glückseligkeit keine Tätigkeit.
Einwand 4: Ferner bleibt die Glückseligkeit im Glücklichen. Die Tätigkeit aber bleibt nicht, sondern vergeht. Daher ist die Glückseligkeit keine Tätigkeit.
Einwand 5: Ferner gibt es für einen Menschen eine Glückseligkeit. Tätigkeiten aber sind viele. Daher ist die Glückseligkeit keine Tätigkeit.
Einwand 6: Ferner ist die Glückseligkeit ununterbrochen im Glücklichen. Die menschliche Tätigkeit aber wird oft unterbrochen; zum Beispiel durch Schlaf oder eine andere Beschäftigung oder durch Aufhören. Daher ist die Glückseligkeit keine Tätigkeit.
Dagegen spricht: Der Philosoph sagt (Ethic. i, 13), dass „Glückseligkeit eine Tätigkeit gemäß der vollkommenen Tugend ist“.
Ich antworte darauf: Insofern die Glückseligkeit des Menschen etwas Geschaffenes ist, das in ihm existiert, müssen wir sagen, dass sie eine Tätigkeit ist. Denn die Glückseligkeit ist die höchste Vollkommenheit des Menschen. Nun ist jedes Ding insoweit vollkommen, als es aktuell ist; da Potenzialität ohne Akt unvollkommen ist. Folglich muss die Glückseligkeit im letzten Akt des Menschen bestehen. Es ist aber offensichtlich, dass die Tätigkeit der letzte Akt des Tätigen ist, weshalb der Philosoph sie „zweiten Akt“ nennt (De Anima ii, 1): weil das, was eine Form hat, potenziell tätig sein kann, so wie der Wissende potenziell betrachtend ist. Und daher kommt es, dass auch bei anderen Dingen jedes einzelne „um seiner Tätigkeit willen“ seiend genannt wird (De Coel. ii, 3). Daher muss die Glückseligkeit des Menschen notwendigerweise in einer Tätigkeit bestehen.
Antwort auf Einwand 1: Leben wird in zweifachem Sinne verstanden. Erstens für das Sein des Lebenden selbst. Und so ist die Glückseligkeit nicht Leben: da gezeigt wurde (Frage [2], Artikel [5]), dass das Sein eines Menschen, worin auch immer es bestehen mag, nicht die Glückseligkeit dieses Menschen ist; denn von Gott allein ist es wahr, dass sein Sein seine Glückseligkeit ist. Zweitens bedeutet Leben die Tätigkeit des Lebenden, durch welche Tätigkeit das Prinzip des Lebens aktuell gemacht wird: so sprechen wir vom aktiven und kontemplativen Leben oder von einem Leben des Vergnügens. Und in diesem Sinne wird das ewige Leben das letzte Ziel genannt, wie aus Joh 17,3 klar hervorgeht: „Das ist das ewige Leben, dass sie dich, den einzigen wahren Gott, erkennen.“
Antwort auf Einwand 2: Boethius betrachtete bei der Definition der Glückseligkeit die Glückseligkeit im Allgemeinen: denn so betrachtet ist sie das vollkommene Gemeingut; und er bezeichnete dies, indem er sagte, dass Glückseligkeit „ein durch die Ansammlung aller Güter vollkommener Zustand“ ist, womit er andeutete, dass der Zustand eines glücklichen Menschen darin besteht, das vollkommene Gut zu besitzen. Aristoteles aber drückte das Wesen der Glückseligkeit selbst aus, indem er zeigte, wodurch der Mensch in diesen Zustand versetzt wird, und dass dies durch eine Art von Tätigkeit geschieht. Und so beweist er, dass Glückseligkeit „das vollkommene Gut“ ist (Ethic. i, 7).
Antwort auf Einwand 3: Wie in Metaph. ix, 7 ausgeführt, ist das Handeln zweifach. Eines geht vom Handelnden in die äußere Materie über, wie „brennen“ und „schneiden“. Und eine solche Tätigkeit kann nicht Glückseligkeit sein: denn eine solche Tätigkeit ist eine Handlung und eine Vollkommenheit nicht des Handelnden, sondern vielmehr des Leidenden, wie an derselben Stelle gesagt wird. Das andere ist eine Handlung, die im Handelnden verbleibt, wie fühlen, verstehen und wollen: und eine solche Handlung ist eine Vollkommenheit und ein Akt des Handelnden. Und eine solche Tätigkeit kann Glückseligkeit sein.
Antwort auf Einwand 4: Da Glückseligkeit eine gewisse letzte Vollkommenheit bezeichnet, müssen der Glückseligkeit verschiedene Bedeutungen beigelegt werden, je nachdem, wie verschiedene der Glückseligkeit fähige Dinge verschiedene Grade der Vollkommenheit erreichen können. Denn in Gott ist die Glückseligkeit wesenhaft; da sein Sein selbst seine Tätigkeit ist, wodurch er niemanden außer sich selbst genießt. In den glücklichen Engeln besteht die letzte Vollkommenheit hinsichtlich einer Tätigkeit, durch die sie mit dem ungeschaffenen Gut vereint sind: und diese ihre Tätigkeit ist eine einzige und ewige. Bei den Menschen aber besteht die letzte Vollkommenheit gemäß ihrem gegenwärtigen Lebenszustand hinsichtlich einer Tätigkeit, durch die der Mensch mit Gott vereint wird: aber diese Tätigkeit kann weder kontinuierlich sein, noch ist sie folglich eine einzige, weil die Tätigkeit durch Unterbrechung vervielfältigt wird. Und aus diesem Grund kann im gegenwärtigen Lebenszustand die vollkommene Glückseligkeit vom Menschen nicht erlangt werden. Weshalb der Philosoph, indem er die Glückseligkeit des Menschen in dieses Leben setzt (Ethic. i, 10), sagt, dass sie unvollkommen ist, und nach einer langen Diskussion schließt: „Wir nennen Menschen glücklich, aber nur als Menschen.“ Gott aber hat uns die vollkommene Glückseligkeit verheißen, wenn wir sein werden „wie die Engel ... im Himmel“ (Mt 22,30).
Folglich greift der Einwand in Bezug auf diese vollkommene Glückseligkeit nicht: weil in jenem Zustand der Glückseligkeit der Geist des Menschen durch eine einzige, kontinuierliche, ewige Tätigkeit mit Gott vereint sein wird. Im gegenwärtigen Leben aber fallen wir insoweit von der vollkommenen Glückseligkeit ab, als wir hinter der Einheit und Kontinuität jener Tätigkeit zurückbleiben. Dennoch ist es eine Teilhabe an der Glückseligkeit: und umso größer, je kontinuierlicher und einheitlicher die Tätigkeit sein kann. Folglich hat das aktive Leben, das mit vielen Dingen beschäftigt ist, weniger von der Glückseligkeit als das kontemplative Leben, das mit einer Sache beschäftigt ist, d. h. der Betrachtung der Wahrheit. Und wenn der Mensch zu irgendeiner Zeit nicht aktuell in dieser Tätigkeit begriffen ist, so scheint diese doch gleichsam kontinuierlich zu sein, da er sich ihr immer leicht zuwenden kann und da er selbst das Aufhören, durch Schlafen oder anderweitige Beschäftigung, auf die genannte Beschäftigung hinordnet. Aus diesen Bemerkungen ergeben sich die Antworten auf die Einwände 5 und 6.