I-II, q. 3 a. 4
Ob die Glückseligkeit, wenn sie im intellektiven Teil ist, eine Tätigkeit des Intellekts oder des Willens ist?
Quaestio 3 · Was die Glückseligkeit ist
Einwand 1: Es scheint, dass die Glückseligkeit in einem Akt des Willens besteht. Denn Augustinus sagt (De Civ. Dei xix, 10, 11), dass die Glückseligkeit des Menschen im Frieden besteht; weshalb geschrieben steht (Ps 147,3): „Der Frieden in dein Ende [Douay: ‚Grenzen‘] gelegt hat“. Aber Friede gehört zum Willen. Daher ist die Glückseligkeit des Menschen im Willen.
Einwand 2: Ferner ist die Glückseligkeit das höchste Gut. Aber das Gute ist Gegenstand des Willens. Daher besteht die Glückseligkeit in einer Tätigkeit des Willens.
Einwand 3: Ferner entspricht das letzte Ziel dem ersten Beweger: so ist das letzte Ziel der ganzen Armee der Sieg, welcher das Ziel des Feldherrn ist, der alle Männer bewegt. Aber der erste Beweger in Bezug auf die Tätigkeiten ist der Wille: weil er die anderen Kräfte bewegt, wie wir weiter unten darlegen werden (Frage [9], Artikel [1], 3). Daher betrifft die Glückseligkeit den Willen.
Einwand 4: Ferner, wenn die Glückseligkeit eine Tätigkeit ist, muss sie notwendigerweise die vorzüglichste Tätigkeit des Menschen sein. Aber die Liebe Gottes, die ein Akt des Willens ist, ist eine vorzüglichere Tätigkeit als die Erkenntnis, die eine Tätigkeit des Intellekts ist, wie der Apostel erklärt (1 Kor 13). Daher scheint es, dass die Glückseligkeit in einem Akt des Willens besteht.
Einwand 5: Ferner sagt Augustinus (De Trin. xiii, 5), dass „glücklich derjenige ist, der hat, was immer er begehrt, und nichts Schlechtes begehrt“. Und ein wenig weiter (6) fügt er hinzu: „Der ist am glücklichsten, der gut begehrt, was immer er begehrt: denn gute Dinge machen einen Menschen glücklich, und ein solcher Mensch besitzt bereits ein Gut – d. h. einen guten Willen.“ Daher besteht die Glückseligkeit in einem Akt des Willens.
Dagegen spricht: Unser Herr sagte (Joh 17,3): „Das ist das ewige Leben: dass sie dich, den einzigen wahren Gott, erkennen.“ Nun ist das ewige Leben das letzte Ziel, wie oben ausgeführt (Artikel [2], zu 1). Daher besteht die Glückseligkeit des Menschen in der Erkenntnis Gottes, welche ein Akt des Intellekts ist.
Ich antworte darauf: Wie oben ausgeführt (Frage [2], Artikel [6]), sind zwei Dinge für die Glückseligkeit erforderlich: eines, welches das Wesen der Glückseligkeit ist; das andere, das gleichsam ihr eigenes Akzidens ist, d. h. die damit verbundene Wonne. Ich sage also, dass es hinsichtlich des Wesens der Glückseligkeit selbst unmöglich ist, dass sie in einem Akt des Willens besteht. Denn es ist aus dem Gesagten offensichtlich (Artikel [1], 2; Frage [2], Artikel [7]), dass Glückseligkeit die Erlangung des letzten Ziels ist. Aber die Erlangung des Ziels besteht nicht im Akt des Willens selbst. Denn der Wille ist auf das Ziel gerichtet, sowohl abwesend, wenn er es begehrt, als auch anwesend, wenn er sich darin ruhend erfreut. Nun ist es offensichtlich, dass das Begehren des Ziels selbst nicht die Erlangung des Ziels ist, sondern eine Bewegung auf das Ziel hin: während die Wonne dem Willen daraus erwächst, dass das Ziel anwesend ist; und nicht umgekehrt wird eine Sache dadurch anwesend gemacht, dass der Wille sich an ihr erfreut. Daher muss es auf etwas anderes als einen Akt des Willens zurückzuführen sein, dass das Ziel demjenigen, der es begehrt, anwesend ist.
Dies ist offensichtlich der Fall in Bezug auf sinnliche Ziele. Denn wenn der Erwerb von Geld durch einen Akt des Willens geschähe, hätte der Habsüchtige es von dem Moment an, da er es wünschte. Aber in diesem Moment ist es fern von ihm; und er erlangt es, indem er es mit seiner Hand greift oder auf ähnliche Weise; und dann erfreut er sich an dem erlangten Geld. Und so ist es mit einem intelligiblen Ziel. Denn zuerst begehren wir, ein intelligibles Ziel zu erlangen; wir erlangen es dadurch, dass es uns durch einen Akt des Intellekts gegenwärtig gemacht wird; und dann ruht der erfreute Wille in dem erlangten Ziel.
So besteht also das Wesen der Glückseligkeit in einem Akt des Intellekts: aber die Wonne, die aus der Glückseligkeit resultiert, gehört zum Willen. In diesem Sinne sagt Augustinus (Confess. x, 23), dass Glückseligkeit „Freude an der Wahrheit“ ist, weil nämlich die Freude selbst die Vollendung der Glückseligkeit ist.
Antwort auf Einwand 1: Friede gehört zum letzten Ziel des Menschen, nicht als ob er das Wesen der Glückseligkeit selbst wäre; sondern weil er ihr vorausgeht und nachfolgt: vorausgehend, insofern alle jene Dinge entfernt werden, die den Menschen stören und daran hindern, das letzte Ziel zu erlangen: nachfolgend, insofern der Mensch, wenn er sein letztes Ziel erlangt hat, im Frieden bleibt, da sein Begehren zur Ruhe gekommen ist.
Antwort auf Einwand 2: Das erste Objekt des Willens ist nicht sein Akt: so wie auch das erste Objekt des Sehens nicht das Sehen ist, sondern ein sichtbares Ding. Weshalb aus der Tatsache, dass die Glückseligkeit zum Willen als das erste Objekt des Willens gehört, folgt, dass sie nicht als sein Akt zu ihm gehört.
Antwort auf Einwand 3: Der Intellekt erfasst das Ziel, bevor der Wille es tut: doch die Bewegung zum Ziel beginnt im Willen. Und daher gehört zum Willen das, was der Erlangung des Ziels als letztes folgt, nämlich Wonne oder Genuss.
Antwort auf Einwand 4: Die Liebe steht im Bewegen über der Erkenntnis, aber die Erkenntnis geht der Liebe im Erlangen voraus: denn „nichts wird geliebt, außer was erkannt ist“, wie Augustinus sagt (De Trin. x, 1). Folglich erlangen wir zuerst ein intelligibles Ziel durch einen Akt des Intellekts; so wie wir zuerst ein sinnliches Ziel durch einen Akt des Sinnes erlangen.
Antwort auf Einwand 5: Wer hat, was immer er begehrt, ist glücklich, weil er hat, was er begehrt: und dies geschieht in der Tat durch etwas anderes als den Akt seines Willens. Aber nichts Schlechtes zu begehren, ist für die Glückseligkeit als eine notwendige Disposition dazu erforderlich. Und ein guter Wille wird unter die guten Dinge gerechnet, die einen Menschen glücklich machen, insofern er eine Neigung des Willens ist: so wie eine Bewegung auf die Gattung ihres Endpunktes zurückgeführt wird, zum Beispiel „Veränderung“ auf die Gattung „Qualität“.