I-II, q. 3 a. 5
Ob die Glückseligkeit eine Tätigkeit des spekulativen oder des praktischen Intellekts ist?
Quaestio 3 · Was die Glückseligkeit ist
Einwand 1: Es scheint, dass die Glückseligkeit eine Tätigkeit des praktischen Intellekts ist. Denn das Ziel jedes Geschöpfes besteht darin, Gott ähnlich zu werden. Aber der Mensch ist Gott ähnlich durch seinen praktischen Intellekt, der die Ursache der verstandenen Dinge ist, eher als durch seinen spekulativen Intellekt, der sein Wissen von den Dingen ableitet. Daher besteht die Glückseligkeit des Menschen eher in einer Tätigkeit des praktischen als des spekulativen Intellekts.
Einwand 2: Ferner ist die Glückseligkeit das vollkommene Gut des Menschen. Aber der praktische Intellekt ist eher auf das Gute geordnet als der spekulative Intellekt, der auf das Wahre geordnet ist. Daher werden wir gut genannt in Bezug auf die Vollkommenheit des praktischen Intellekts, aber nicht in Bezug auf die Vollkommenheit des spekulativen Intellekts, gemäß welchem wir wissend oder verständig genannt werden. Daher besteht die Glückseligkeit des Menschen eher in einem Akt des praktischen als des spekulativen Intellekts.
Einwand 3: Ferner ist die Glückseligkeit ein Gut des Menschen selbst. Aber der spekulative Intellekt befasst sich mehr mit Dingen außerhalb des Menschen; wohingegen der praktische Intellekt sich mit Dingen befasst, die zum Menschen selbst gehören, nämlich seinen Handlungen und Leidenschaften. Daher besteht die Glückseligkeit des Menschen eher in einer Tätigkeit des praktischen als des spekulativen Intellekts.
Dagegen spricht: Augustinus sagt (De Trin. i, 8), dass „die Kontemplation uns verheißen ist als das Ziel all unserer Handlungen und die ewige Vollendung unserer Freuden“.
Ich antworte darauf: Die Glückseligkeit besteht eher in einer Tätigkeit des spekulativen als des praktischen Intellekts. Dies ist aus drei Gründen offensichtlich. Erstens, weil, wenn die Glückseligkeit des Menschen eine Tätigkeit ist, sie notwendigerweise die höchste Tätigkeit des Menschen sein muss. Nun ist die höchste Tätigkeit des Menschen die seiner höchsten Kraft in Bezug auf ihr höchstes Objekt: und seine höchste Kraft ist der Intellekt, dessen höchstes Objekt das göttliche Gut ist, welches das Objekt nicht des praktischen, sondern des spekulativen Intellekts ist. Folglich besteht die Glückseligkeit hauptsächlich in einer solchen Tätigkeit, nämlich in der Kontemplation der göttlichen Dinge. Und da jenes „jedes Menschen Selbst zu sein scheint, was das Beste in ihm ist“, gemäß Ethic. ix, 8 und x, 7, ist daher eine solche Tätigkeit dem Menschen am eigensten und für ihn am erfreulichsten.
Zweitens ist es offensichtlich aus der Tatsache, dass die Kontemplation hauptsächlich um ihrer selbst willen gesucht wird. Aber der Akt des praktischen Intellekts wird nicht um seiner selbst willen gesucht, sondern um der Handlung willen: und eben diese Handlungen sind auf irgendein Ziel geordnet. Folglich ist es offensichtlich, dass das letzte Ziel nicht im aktiven Leben bestehen kann, welches zum praktischen Intellekt gehört.
Drittens ist es wiederum offensichtlich aus der Tatsache, dass der Mensch im kontemplativen Leben etwas mit den Dingen über ihm gemeinsam hat, nämlich mit Gott und den Engeln, denen er durch die Glückseligkeit ähnlich gemacht wird. Aber in Dingen, die zum aktiven Leben gehören, haben auch andere Tiere etwas mit dem Menschen gemeinsam, wenngleich unvollkommen.
Daher besteht die letzte und vollkommene Glückseligkeit, die wir im kommenden Leben erwarten, gänzlich in der Kontemplation. Aber die unvollkommene Glückseligkeit, wie sie hier gehabt werden kann, besteht zuerst und hauptsächlich in einer Tätigkeit des praktischen Intellekts, der die menschlichen Handlungen und Leidenschaften lenkt, wie in Ethic. x, 7, 8 dargelegt.
Antwort auf Einwand 1: Die behauptete Ähnlichkeit des praktischen Intellekts mit Gott ist eine der Proportion; das heißt, aufgrund dessen, dass er in Relation zu dem steht, was er weiß, wie Gott zu dem steht, was er weiß. Aber die Ähnlichkeit des spekulativen Intellekts mit Gott ist eine der Vereinigung und „Information“; was eine viel größere Ähnlichkeit ist. Und doch kann geantwortet werden, dass Gott in Bezug auf das hauptsächlich Erkannte, welches sein Wesen ist, kein praktisches, sondern bloß spekulatives Wissen hat.
Antwort auf Einwand 2: Der praktische Intellekt ist auf ein Gut geordnet, das außerhalb von ihm ist: aber der spekulative Intellekt hat das Gut in sich, nämlich die Betrachtung der Wahrheit. Und wenn dieses Gut vollkommen ist, wird der ganze Mensch dadurch vervollkommnet und gut gemacht: ein solches Gut hat der praktische Intellekt nicht; sondern er lenkt den Menschen dahin.
Antwort auf Einwand 3: Dieses Argument würde gelten, wenn der Mensch selbst sein eigenes letztes Ziel wäre; denn dann wäre die Betrachtung und Lenkung seiner Handlungen und Leidenschaften seine Glückseligkeit. Da aber das letzte Ziel des Menschen etwas außerhalb von ihm ist, nämlich Gott, zu dem wir uns durch eine Tätigkeit des spekulativen Intellekts ausstrecken, besteht daher die Glückseligkeit des Menschen eher in einer Tätigkeit des spekulativen Intellekts als des praktischen Intellekts.