I-II, q. 2 a. 8
Ob irgendein geschaffenes Gut die Glückseligkeit des Menschen ausmacht?
Quaestio 2 · Von den Dingen, in denen die Glückseligkeit des Menschen besteht.
Einwand 1: Es scheint, dass irgendein geschaffenes Gut die Glückseligkeit des Menschen ausmacht. Denn Dionysius sagt (Div. Nom. vii), dass die göttliche Weisheit „die Enden der ersten Dinge mit den Anfängen der zweiten Dinge verbindet“, woraus wir entnehmen können, dass der Gipfel einer niedrigeren Natur die Basis der höheren Natur berührt. Aber das höchste Gut des Menschen ist die Glückseligkeit. Da also der Engel in der Ordnung der Natur über dem Menschen steht, wie in FP, Frage [111], Artikel [1] dargelegt, scheint es, dass die Glückseligkeit des Menschen darin besteht, dass der Mensch irgendwie den Engel erreicht.
Einwand 2: Ferner ist das letzte Ziel eines jeden Dinges das, was in Bezug auf es vollkommen ist: daher ist der Teil für das Ganze, wie für sein Ziel. Aber das Universum der Geschöpfe, welches der Makrokosmos genannt wird, verhält sich zum Menschen, der der Mikrokosmos genannt wird (Phys. viii, 2), wie das Vollkommene zum Unvollkommenen. Also besteht die Glückseligkeit des Menschen im ganzen Universum der Geschöpfe.
Einwand 3: Ferner wird der Mensch durch das glücklich gemacht, was sein natürliches Verlangen stillt. Aber das natürliche Verlangen des Menschen reicht nicht nach einem Gut aus, das seine Kapazität übersteigt. Da also die Kapazität des Menschen nicht jenes Gut einschließt, das die Grenzen aller Schöpfung übersteigt, scheint es, dass der Mensch durch irgendein geschaffenes Gut glücklich gemacht werden kann. Folglich macht irgendein geschaffenes Gut die Glückseligkeit des Menschen aus.
Dagegen spricht, was Augustinus sagt (De Civ. Dei xix, 26): „Wie die Seele das Leben des Leibes ist, so ist Gott das Leben der Glückseligkeit des Menschen: von Dem geschrieben steht: ‚Selig das Volk, dessen Gott der Herr ist‘ (Ps. 143,15).“
Ich antworte darauf, dass es unmöglich ist, dass irgendein geschaffenes Gut die Glückseligkeit des Menschen ausmacht. Denn die Glückseligkeit ist das vollkommene Gut, welches das Begehren gänzlich stillt; sonst wäre es nicht das letzte Ziel, wenn noch etwas zu begehren übrig bliebe. Nun ist das Objekt des Willens, d.h. des menschlichen Begehrens, das allgemeine Gut; so wie das Objekt des Intellekts das allgemeine Wahre ist. Daher ist es offensichtlich, dass nichts den Willen des Menschen stillen kann, außer dem allgemeinen Gut. Dies ist nicht in irgendeinem Geschöpf zu finden, sondern in Gott allein; weil jedes Geschöpf Güte durch Teilhabe hat. Daher kann Gott allein den Willen des Menschen befriedigen, gemäß den Worten von Ps. 102,5: „Der dein Verlangen mit Gutem sättigt.“ Also macht Gott allein die Glückseligkeit des Menschen aus.
Antwort auf Einwand 1: Der Gipfel des Menschen berührt tatsächlich die Basis der engelhaften Natur, durch eine Art Ähnlichkeit; aber der Mensch ruht dort nicht wie in seinem letzten Ziel, sondern reicht nach der allgemeinen Quelle des Guten selbst aus, welche das gemeinsame Objekt der Glückseligkeit aller Seligen ist, als das unendliche und vollkommene Gut.
Antwort auf Einwand 2: Wenn ein Ganzes nicht das letzte Ziel ist, sondern auf ein weiteres Ziel hingeordnet ist, dann ist das letzte Ziel eines Teiles davon nicht das Ganze selbst, sondern etwas anderes. Nun ist das Universum der Geschöpfe, zu dem der Mensch sich verhält wie der Teil zum Ganzen, nicht das letzte Ziel, sondern ist auf Gott hingeordnet, als auf sein letztes Ziel. Daher ist das letzte Ziel des Menschen nicht das Gut des Universums, sondern Gott selbst.
Antwort auf Einwand 3: Geschaffenes Gut ist nicht weniger als jenes Gut, dessen der Mensch fähig ist, als etwas ihm Innerliches und Innewohnendes: aber es ist weniger als das Gut, dessen er fähig ist als eines Objekts, und welches unendlich ist. Und das teilhabende Gut, das in einem Engel und im ganzen Universum ist, ist ein endliches und beschränktes Gut.