I-II, q. 2 a. 5
Ob die Glückseligkeit des Menschen in irgendeinem Gut des Leibes besteht?
Quaestio 2 · Von den Dingen, in denen die Glückseligkeit des Menschen besteht.
Einwand 1: Es scheint, dass die Glückseligkeit des Menschen in Leibesgütern besteht. Denn es steht geschrieben (Sir 30,16): „Es gibt keinen Reichtum über den Reichtum der Gesundheit des Leibes.“ Aber die Glückseligkeit besteht in dem, was am besten ist. Also besteht sie in der Gesundheit des Leibes.
Einwand 2: Ferner sagt Dionysius (Div. Nom. v), dass „Sein“ besser ist als „Leben“, und „Leben“ besser ist als alles, was folgt. Aber für das Sein und Leben des Menschen ist die Gesundheit des Leibes notwendig. Da also die Glückseligkeit das höchste Gut des Menschen ist, scheint es, dass die Gesundheit des Leibes mehr als alles andere zur Glückseligkeit gehört.
Einwand 3: Ferner, je allgemeiner ein Ding ist, desto höher ist das Prinzip, von dem es abhängt; weil, je höher eine Ursache ist, desto größer der Umfang ihrer Macht ist. Nun besteht die Kausalität der Wirkursache darin, dass sie in etwas einfließt, so wie die Kausalität des Ziels darin besteht, das Begehren anzuziehen. Daher, so wie die Erste Ursache das ist, was in alle Dinge einfließt, so ist das letzte Ziel das, was das Verlangen aller anzieht. Aber das Sein selbst ist das, was von allen am meisten begehrt wird. Also besteht die Glückseligkeit des Menschen vor allem in Dingen, die zu seinem Sein gehören, wie die Gesundheit des Leibes.
Dagegen spricht, dass der Mensch alle anderen Tiere in Bezug auf die Glückseligkeit übertrifft. Aber in körperlichen Gütern wird er von vielen Tieren übertroffen; zum Beispiel vom Elefanten an Langlebigkeit, vom Löwen an Stärke, vom Hirsch an Schnelligkeit. Also besteht die Glückseligkeit des Menschen nicht in Gütern des Leibes.
Ich antworte darauf, dass es unmöglich ist, dass die Glückseligkeit des Menschen in den Gütern des Leibes besteht; und dies aus zwei Gründen. Erstens, weil, wenn ein Ding auf ein anderes als sein Ziel hingeordnet ist, sein letztes Ziel nicht in der Erhaltung seines Seins bestehen kann. Daher beabsichtigt ein Kapitän als letztes Ziel nicht die Erhaltung des ihm anvertrauten Schiffes, da ein Schiff auf etwas anderes als sein Ziel hingeordnet ist, nämlich auf die Schifffahrt. Nun ist der Mensch seinem Willen und seiner Vernunft übergeben, so wie das Schiff dem Kapitän anvertraut ist, damit er seinen Kurs steuere; gemäß Sir 15,14: „Gott hat den Menschen am Anfang gemacht und ihn in der Hand seines eigenen Rates gelassen.“ Nun ist es offensichtlich, dass der Mensch auf etwas als sein Ziel hingeordnet ist: da der Mensch nicht das höchste Gut ist. Daher kann das letzte Ziel der menschlichen Vernunft und des Willens nicht die Erhaltung des menschlichen Seins sein.
Zweitens, weil, angenommen das Ziel des menschlichen Willens und der Vernunft wäre die Erhaltung des menschlichen Seins, nicht gesagt werden könnte, dass das Ziel des Menschen irgendein Gut des Leibes ist. Denn das Sein des Menschen besteht aus Seele und Leib; und obwohl das Sein des Leibes von der Seele abhängt, hängt doch das Sein der menschlichen Seele nicht vom Leib ab, wie oben gezeigt (FP, Frage [75], Artikel [2]); und der Leib selbst ist für die Seele, wie Materie für ihre Form, und wie die Werkzeuge für den Menschen, der sie in Bewegung setzt, damit er durch ihre Mittel sein Werk verrichte. Daher sind alle Güter des Leibes auf die Güter der Seele hingeordnet, als auf ihr Ziel. Folglich kann die Glückseligkeit, die das letzte Ziel des Menschen ist, nicht in Gütern des Leibes bestehen.
Antwort auf Einwand 1: So wie der Leib auf die Seele hingeordnet ist, als sein Ziel, so sind äußere Güter auf den Leib selbst hingeordnet. Und deshalb wird das Gut des Leibes mit Recht den äußeren Gütern vorgezogen, die durch „Reichtümer“ bezeichnet werden, so wie das Gut der Seele allen körperlichen Gütern vorgezogen wird.
Antwort auf Einwand 2: Das Sein schlechthin genommen, als Einschluss aller Vollkommenheit des Seins, übertrifft das Leben und alles, was ihm folgt; denn so schließt das Sein selbst all dies ein. Und in diesem Sinne spricht Dionysius. Aber wenn wir das Sein selbst betrachten, wie es an diesem oder jenem Ding teilhat, welches nicht die ganze Vollkommenheit des Seins besitzt, sondern unvollkommenes Sein hat, wie das Sein irgendeines Geschöpfes; dann ist es offensichtlich, dass das Sein selbst zusammen mit einer zusätzlichen Vollkommenheit vorzüglicher ist. Daher sagt Dionysius in derselben Passage, dass Dinge, die leben, besser sind als Dinge, die (nur) existieren, und intelligente besser als lebende Dinge.
Antwort auf Einwand 3: Da das Ziel dem Anfang entspricht, beweist dieses Argument, dass das letzte Ziel der erste Anfang des Seins ist, in Dem jede Vollkommenheit des Seins ist: Dessen Ähnlichkeit begehren einige, gemäß ihrem Verhältnis, nur in Bezug auf das Sein, einige in Bezug auf das lebende Sein, einige in Bezug auf das Sein, welches lebend, intelligent und glücklich ist. Und dies gehört wenigen.