I-II, q. 2 a. 1
Ob die Glückseligkeit des Menschen im Reichtum besteht?
Quaestio 2 · Von den Dingen, in denen die Glückseligkeit des Menschen besteht.
Einwand 1: Es scheint, dass die Glückseligkeit des Menschen im Reichtum besteht. Denn da die Glückseligkeit das letzte Ziel des Menschen ist, muss sie in dem bestehen, was die menschlichen Neigungen am stärksten beherrscht. Dies aber ist der Reichtum; denn es steht geschrieben (Prediger 10,19): „Alles gehorcht dem Geld.“ Also besteht die Glückseligkeit des Menschen im Reichtum.
Einwand 2: Ferner ist nach Boethius (De Consol. iii) die Glückseligkeit „ein durch die Ansammlung aller Güter vollkommener Zustand“. Nun scheint das Geld das Mittel zu sein, alle Dinge zu besitzen; denn wie der Philosoph sagt (Ethic. v, 5), wurde das Geld erfunden, damit es gleichsam eine Bürgschaft für den Erwerb von allem sei, was der Mensch begehrt. Also besteht die Glückseligkeit im Reichtum.
Einwand 3: Ferner, da das Verlangen nach dem höchsten Gut niemals nachlässt, scheint es unendlich zu sein. Dies ist aber beim Reichtum mehr als bei allem anderen der Fall; denn „ein Geizhals wird nicht satt am Reichtum“ (Prediger 5,9). Also besteht die Glückseligkeit im Reichtum.
Dagegen spricht, dass das Gut des Menschen eher im Bewahren der Glückseligkeit besteht als in ihrem Ausbreiten. Doch wie Boethius sagt (De Consol. ii): „Reichtum glänzt eher im Geben als im Anhäufen: denn der Geizige ist verhasst, der Freigiebige aber wird gelobt.“ Also besteht die Glückseligkeit des Menschen nicht im Reichtum.
Ich antworte darauf, dass es unmöglich ist, dass die Glückseligkeit des Menschen im Reichtum besteht. Denn der Reichtum ist zweifach, wie der Philosoph sagt (Polit. i, 3), nämlich natürlich und künstlich. Natürlicher Reichtum ist jener, der dem Menschen als Abhilfe für seine natürlichen Bedürfnisse dient: wie Speise, Trank, Kleidung, Wagen, Behausungen und dergleichen. Künstlicher Reichtum hingegen ist jener, der der Natur nicht direkt hilft, wie das Geld, sondern durch die Kunst des Menschen erfunden wurde, um den Tausch zu erleichtern und als Maß für verkäufliche Dinge zu dienen.
Nun ist es offensichtlich, dass die Glückseligkeit des Menschen nicht im natürlichen Reichtum bestehen kann. Denn Reichtum dieser Art wird um eines anderen willen gesucht, nämlich zur Erhaltung der menschlichen Natur; folglich kann er nicht das letzte Ziel des Menschen sein, sondern ist vielmehr auf den Menschen als sein Ziel hingeordnet. Daher stehen in der Ordnung der Natur alle diese Dinge unter dem Menschen und sind für ihn gemacht, gemäß Ps. 8,8: „Du hast alles unter seine Füße gelegt.“
Was aber den künstlichen Reichtum betrifft, so wird er nur um des natürlichen Reichtums willen gesucht; denn der Mensch würde ihn nicht suchen, wenn er sich nicht durch ihn die Notwendigkeiten des Lebens beschaffen könnte. Folglich kann er noch viel weniger als letztes Ziel betrachtet werden. Daher ist es unmöglich, dass die Glückseligkeit, die das letzte Ziel des Menschen ist, im Reichtum besteht.
Antwort auf Einwand 1: Alle materiellen Dinge gehorchen dem Geld, soweit es die Menge der Toren betrifft, die keine anderen als materielle Güter kennen, welche für Geld erlangt werden können. Wir aber sollten unsere Einschätzung der menschlichen Güter nicht von den Toren, sondern von den Weisen nehmen: so wie es Sache dessen ist, dessen Geschmackssinn in Ordnung ist, zu beurteilen, ob eine Sache wohlschmeckend ist.
Antwort auf Einwand 2: Alle verkäuflichen Dinge können für Geld gehabt werden; nicht so die geistigen Dinge, die nicht verkauft werden können. Daher steht geschrieben (Spr 17,16): „Was nützt es dem Toren, Reichtümer zu haben, da er Weisheit nicht kaufen kann?“
Antwort auf Einwand 3: Das Verlangen nach natürlichem Reichtum ist nicht unendlich, weil er der Natur in einem gewissen Maß genügt. Aber das Verlangen nach künstlichem Reichtum ist unendlich, denn er ist der Diener der ungeordneten Begierde, die nicht gezügelt wird, wie der Philosoph deutlich macht (Polit. i, 3). Doch ist dieses Verlangen nach Reichtum auf andere Weise unendlich als das Verlangen nach dem höchsten Gut. Denn je vollkommener das höchste Gut besessen wird, desto mehr wird es geliebt und anderes verachtet; denn je mehr wir es besitzen, desto mehr erkennen wir es. Daher steht geschrieben (Sir 24,29): „Die mich essen, werden noch hungern.“ Beim Verlangen nach Reichtum und jeglichen zeitlichen Gütern hingegen ist das Gegenteil der Fall: Wenn wir sie bereits besitzen, verachten wir sie und suchen anderes; dies ist der Sinn der Worte unseres Herrn (Joh 4,13): „Wer von diesem Wasser trinkt“, womit zeitliche Güter bezeichnet werden, „wird wieder dürsten.“ Der Grund dafür ist, dass wir ihre Unzulänglichkeit mehr erkennen, wenn wir sie besitzen; und eben diese Tatsache zeigt, dass sie unvollkommen sind und das höchste Gut nicht in ihnen besteht.