I-II, q. 2 a. 6
Ob die Glückseligkeit des Menschen in der Lust besteht?
Quaestio 2 · Von den Dingen, in denen die Glückseligkeit des Menschen besteht.
Einwand 1: Es scheint, dass die Glückseligkeit des Menschen in der Lust besteht. Denn da die Glückseligkeit das letzte Ziel ist, wird sie nicht um eines anderen willen begehrt, sondern andere Dinge um ihretwillen. Dies aber trifft auf die Lust mehr als auf alles andere zu: „denn es ist absurd, jemanden zu fragen, was sein Beweggrund ist, sich freuen zu wollen“ (Ethic. x, 2). Also besteht die Glückseligkeit hauptsächlich in Lust und Ergötzung.
Einwand 2: Ferner geht „die erste Ursache tiefer in die Wirkung ein als die zweite Ursache“ (De Causis i). Nun besteht die Kausalität des Ziels darin, das Begehren anzuziehen. Daher scheint das, was das Begehren am meisten bewegt, dem Begriff des letzten Ziels zu entsprechen. Dies nun ist die Lust: und ein Zeichen dafür ist, dass die Ergötzung den Willen und die Vernunft des Menschen so sehr absorbiert, dass sie ihn veranlasst, andere Güter zu verachten. Daher scheint es, dass das letzte Ziel des Menschen, welches die Glückseligkeit ist, hauptsächlich in der Lust besteht.
Einwand 3: Ferner, da das Begehren auf das Gute gerichtet ist, scheint das, was alle begehren, das Beste zu sein. Aber alle begehren Ergötzung; sowohl Weise als auch Toren, und sogar vernunftlose Geschöpfe. Also ist die Ergötzung das Beste von allem. Also besteht die Glückseligkeit, die das höchste Gut ist, in der Lust.
Dagegen spricht, was Boethius sagt (De Consol. iii): „Jeder, der auf seine vergangenen Ausschweifungen zurückblicken will, wird wahrnehmen, dass Lüste ein trauriges Ende hatten: und wenn sie einen Menschen glücklich machen können, gibt es keinen Grund, warum wir nicht sagen sollten, dass auch die Tiere glücklich sind.“
Ich antworte darauf, dass, weil körperliche Ergötzungen allgemeiner bekannt sind, „der Name der Lust ihnen zugeeignet wurde“ (Ethic. vii, 13), obwohl andere Ergötzungen sie übertreffen; und doch besteht die Glückseligkeit nicht in ihnen. Denn in jedem Ding ist das, was zu seinem Wesen gehört, verschieden von seinem eigenen Akzidens: so ist es beim Menschen eine Sache, dass er ein sterbliches vernünftiges Lebewesen ist, und eine andere, dass er ein lachendes Lebewesen ist. Wir müssen daher bedenken, dass jede Ergötzung ein eigenes Akzidens ist, das aus der Glückseligkeit oder aus einem Teil der Glückseligkeit folgt; da der Grund, dass ein Mensch erfreut ist, der ist, dass er ein angemessenes Gut hat, entweder in der Realität oder in der Hoffnung oder zumindest in der Erinnerung. Nun ist ein angemessenes Gut, wenn es denn das vollkommene Gut ist, genau die Glückseligkeit des Menschen: und wenn es unvollkommen ist, ist es ein Anteil an der Glückseligkeit, entweder nah oder fern oder zumindest scheinbar. Daher ist es offensichtlich, dass auch die Ergötzung, die aus dem vollkommenen Gut folgt, nicht das Wesen der Glückseligkeit selbst ist, sondern etwas, das daraus als ihr eigenes Akzidens folgt.
Aber körperliche Lust kann nicht einmal auf diese Weise aus dem vollkommenen Gut folgen. Denn sie folgt aus einem Gut, das durch den Sinn wahrgenommen wird, welcher ein Vermögen der Seele ist, das sich des Leibes bedient. Nun kann ein Gut, das zum Leib gehört und durch den Sinn wahrgenommen wird, nicht das vollkommene Gut des Menschen sein. Denn da die vernünftige Seele die Kapazität der körperlichen Materie übertrifft, hat jener Teil der Seele, der unabhängig von einem körperlichen Organ ist, eine gewisse Unendlichkeit in Bezug auf den Leib und jene Teile der Seele, die an den Leib gebunden sind: so wie immaterielle Dinge im Vergleich zu materiellen Dingen gewissermaßen unendlich sind, da eine Form durch Materie gewissermaßen zusammengezogen und begrenzt wird, so dass eine Form, die unabhängig von Materie ist, in gewisser Weise unendlich ist. Daher erkennt der Sinn, der ein Vermögen des Leibes ist, das Einzelne, das durch Materie bestimmt ist: wohingegen der Intellekt, der ein von Materie unabhängiges Vermögen ist, das Allgemeine erkennt, das von der Materie abstrahiert ist und eine unendliche Anzahl von Einzeldingen enthält. Folglich ist es offensichtlich, dass ein Gut, das dem Leib angemessen ist und das körperliche Ergötzung verursacht, indem es durch den Sinn wahrgenommen wird, nicht das vollkommene Gut des Menschen ist, sondern im Vergleich zum Gut der Seele eine ziemliche Kleinigkeit ist. Daher steht geschrieben (Weish 7,9), dass „alles Gold im Vergleich zu ihr wie ein wenig Sand ist“. Und deshalb ist körperliche Lust weder die Glückseligkeit selbst noch ein eigenes Akzidens der Glückseligkeit.
Antwort auf Einwand 1: Es läuft auf dasselbe hinaus, ob wir das Gute begehren oder die Ergötzung begehren, die nichts anderes ist als die Ruhe des Begehrens im Guten: so ist es aufgrund derselben natürlichen Kraft, dass ein schwerer Körper nach unten getragen wird und dass er dort ruht. Folglich, so wie das Gute um seiner selbst willen begehrt wird, so wird die Ergötzung um ihrer selbst willen begehrt und nicht für etwas anderes, wenn die Präposition „für“ die Zielursache bezeichnet. Aber wenn sie die formale oder vielmehr die bewegende Ursache bezeichnet, so ist die Ergötzung für etwas anderes begehrenswert, d.h. für das Gute, welches das Objekt jener Ergötzung ist und folglich ihr Prinzip ist und ihr ihre Form gibt: denn der Grund, dass Ergötzung begehrt wird, ist, dass sie Ruhe im begehrten Ding ist.
Antwort auf Einwand 2: Die Heftigkeit des Verlangens nach sinnlicher Ergötzung entspringt der Tatsache, dass Operationen der Sinne, da sie die Prinzipien unserer Erkenntnis sind, wahrnehmbarer sind. Und so kommt es, dass sinnliche Lüste von der Mehrheit begehrt werden.
Antwort auf Einwand 3: Alle begehren Ergötzung auf dieselbe Weise, wie sie das Gute begehren: und doch begehren sie Ergötzung aufgrund des Guten und nicht umgekehrt, wie oben gesagt (ad 1). Folglich folgt nicht, dass Ergötzung das höchste und wesentliche Gut ist, sondern dass jede Ergötzung aus irgendeinem Gut folgt und dass eine gewisse Ergötzung aus dem folgt, was das wesentliche und höchste Gut ist.