I-II, q. 2 a. 7
Ob irgendein Gut der Seele die Glückseligkeit des Menschen ausmacht?
Quaestio 2 · Von den Dingen, in denen die Glückseligkeit des Menschen besteht.
Einwand 1: Es scheint, dass irgendein Gut der Seele die Glückseligkeit des Menschen ausmacht. Denn die Glückseligkeit ist das Gut des Menschen. Nun ist dieses dreifach: äußere Güter, Güter des Leibes und Güter der Seele. Aber die Glückseligkeit besteht nicht in äußeren Gütern, noch in Gütern des Leibes, wie oben gezeigt (Artikel [4],5). Also besteht sie in Gütern der Seele.
Einwand 2: Ferner lieben wir das, wofür wir Gutes begehren, mehr als das Gut, das wir dafür begehren: so lieben wir einen Freund, für den wir Geld begehren, mehr als wir das Geld lieben. Aber welches Gut auch immer ein Mensch begehrt, er begehrt es für sich selbst. Also liebt er sich selbst mehr als alle anderen Güter. Nun ist die Glückseligkeit das, was über alles geliebt wird: was daraus ersichtlich ist, dass um ihretwillen alles andere geliebt und begehrt wird. Also besteht die Glückseligkeit in irgendeinem Gut des Menschen selbst: jedoch nicht in Gütern des Leibes; also in Gütern der Seele.
Einwand 3: Ferner ist Vollkommenheit etwas, das zu dem gehört, was vervollkommnet wird. Aber die Glückseligkeit ist eine Vollkommenheit des Menschen. Also ist die Glückseligkeit etwas, das zum Menschen gehört. Aber sie ist nichts, das zum Leib gehört, wie oben gezeigt (Artikel [5]). Also ist sie etwas, das zur Seele gehört; und so besteht sie in Gütern der Seele.
Dagegen spricht, wie Augustinus sagt (De Doctr. Christ. i, 22), „dass das, was das Leben der Glückseligkeit ausmacht, um seiner selbst willen zu lieben ist“. Aber der Mensch ist nicht um seiner selbst willen zu lieben, sondern was immer im Menschen ist, ist um Gottes willen zu lieben. Also besteht die Glückseligkeit in keinem Gut der Seele.
Ich antworte darauf, wie oben gesagt (Frage [1], Artikel [8]), ist das Ziel zweifach: nämlich das Ding selbst, das wir zu erlangen begehren, und der Gebrauch, nämlich die Erlangung oder der Besitz jenes Dinges. Wenn wir also vom letzten Ziel des Menschen sprechen, ist es unmöglich, dass das letzte Ziel des Menschen die Seele selbst oder etwas zu ihr Gehöriges ist. Weil die Seele, in sich selbst betrachtet, wie etwas in Potenz Existierendes ist: denn sie wird aktuell wissend, vom potenziell Wissenden; und aktuell tugendhaft, vom potenziell Tugendhaften. Da nun die Potenz um des Aktes willen ist, wie zu ihrer Erfüllung, kann das, was in sich selbst in Potenz ist, nicht das letzte Ziel sein. Daher kann die Seele selbst nicht ihr eigenes letztes Ziel sein.
In gleicher Weise kann es auch nichts zu ihr Gehöriges sein, weder Vermögen, noch Habitus, noch Akt. Denn jenes Gut, das das letzte Ziel ist, ist das vollkommene Gut, das das Verlangen erfüllt. Nun ist das Begehren des Menschen, anders gesagt der Wille, auf das allgemeine Gut gerichtet. Und jedes der Seele innewohnende Gut ist ein teilhabendes Gut und folglich ein portioniertes Gut. Daher kann keines von ihnen das letzte Ziel des Menschen sein.
Aber wenn wir vom letzten Ziel des Menschen sprechen, was dessen Erlangung oder Besitz betrifft, oder was irgendeinen Gebrauch des als Ziel begehrten Dinges betrifft, so gehört etwas vom Menschen, in Bezug auf seine Seele, zu seinem letzten Ziel: da der Mensch die Glückseligkeit durch seine Seele erlangt. Daher ist das Ding selbst, das als Ziel begehrt wird, dasjenige, was die Glückseligkeit ausmacht und den Menschen glücklich macht; aber die Erlangung dieses Dinges wird Glückseligkeit genannt. Folglich müssen wir sagen, dass die Glückseligkeit etwas zur Seele Gehöriges ist; aber das, was die Glückseligkeit ausmacht, ist etwas außerhalb der Seele.
Antwort auf Einwand 1: Insofern diese Einteilung alle Güter einschließt, die der Mensch begehren kann, so ist das Gut der Seele nicht nur Vermögen, Habitus oder Akt, sondern auch das Objekt dieser, welches etwas Äußeres ist. Und auf diese Weise hindert uns nichts daran zu sagen, dass das, was die Glückseligkeit ausmacht, ein Gut der Seele ist.
Antwort auf Einwand 2: Was den vorgebrachten Einwand betrifft, so wird die Glückseligkeit über alles geliebt, als das begehrte Gut; wohingegen ein Freund geliebt wird als das, für das Gutes begehrt wird; und so liebt auch der Mensch sich selbst. Folglich ist es in beiden Fällen nicht dieselbe Art von Liebe. Ob der Mensch irgendetwas mehr liebt als sich selbst mit der Liebe der Freundschaft, wird Gelegenheit sein zu untersuchen, wenn wir von der Caritas (Nächstenliebe) handeln.
Antwort auf Einwand 3: Die Glückseligkeit selbst, da sie eine Vollkommenheit der Seele ist, ist ein innewohnendes Gut der Seele; aber das, was die Glückseligkeit ausmacht, nämlich was den Menschen glücklich macht, ist etwas außerhalb seiner Seele, wie oben gesagt.