I-II, q. 2 a. 2
Ob die Glückseligkeit des Menschen in Ehren besteht?
Quaestio 2 · Von den Dingen, in denen die Glückseligkeit des Menschen besteht.
Einwand 1: Es scheint, dass die Glückseligkeit des Menschen in Ehren besteht. Denn Glückseligkeit oder Seligkeit ist „der Lohn der Tugend“, wie der Philosoph sagt (Ethic. i, 9). Aber Ehre scheint mehr als alles andere das zu sein, womit Tugend belohnt wird, wie der Philosoph sagt (Ethic. iv, 3). Also besteht die Glückseligkeit vor allem in der Ehre.
Einwand 2: Ferner scheint das, was Gott und Personen von großer Vorzüglichkeit zukommt, besonders die Glückseligkeit zu sein, welche das vollkommene Gut ist. Dies aber ist die Ehre, wie der Philosoph sagt (Ethic. iv, 3). Zudem sagt der Apostel (1 Tim 1,17): „Dem alleinigen Gott sei Ehre und Ruhm.“ Also besteht die Glückseligkeit in der Ehre.
Einwand 3: Ferner ist das, was der Mensch vor allem begehrt, die Glückseligkeit. Aber nichts scheint dem Menschen begehrenswerter als die Ehre; denn der Mensch erleidet Verlust in allen anderen Dingen, damit er nicht den Verlust der Ehre erleide. Also besteht die Glückseligkeit in der Ehre.
Dagegen spricht, dass die Glückseligkeit im Glücklichen ist. Die Ehre aber ist nicht im Geehrten, sondern vielmehr in dem, der ehrt und der dem Geehrten Ehrerbietung darbringt, wie der Philosoph sagt (Ethic. i, 5). Also besteht die Glückseligkeit nicht in der Ehre.
Ich antworte darauf, dass es unmöglich ist, dass die Glückseligkeit in der Ehre besteht. Denn Ehre wird einem Menschen aufgrund irgendeiner Vorzüglichkeit in ihm erwiesen; und folglich ist sie ein Zeichen und Zeugnis der Vorzüglichkeit, die in der geehrten Person ist. Nun steht die Vorzüglichkeit eines Menschen im Verhältnis, besonders zu seiner Glückseligkeit, die das vollkommene Gut des Menschen ist, und zu ihren Teilen, d.h. jenen Gütern, durch die er einen gewissen Anteil an der Glückseligkeit hat. Und deshalb kann Ehre aus der Glückseligkeit folgen, aber die Glückseligkeit kann nicht prinzipiell in ihr bestehen.
Antwort auf Einwand 1: Wie der Philosoph sagt (Ethic. i, 5), ist die Ehre nicht jener Lohn der Tugend, für den die Tugendhaften arbeiten; sondern sie empfangen Ehre von den Menschen als Lohn, „wie von jenen, die nichts Größeres zu bieten haben“. Aber der wahre Lohn der Tugend ist die Glückseligkeit selbst, für die die Tugendhaften arbeiten; wenn sie hingegen für die Ehre arbeiteten, wäre es keine Tugend mehr, sondern Ehrgeiz.
Antwort auf Einwand 2: Ehre gebührt Gott und Personen von großer Vorzüglichkeit als Zeichen des Zeugnisses einer bereits existierenden Vorzüglichkeit; nicht dass die Ehre sie vorzüglich macht.
Antwort auf Einwand 3: Dass der Mensch Ehre über alles andere begehrt, entspringt seinem natürlichen Verlangen nach Glückseligkeit, aus welcher die Ehre folgt, wie oben gesagt. Daher sucht der Mensch besonders von den Weisen geehrt zu werden, auf deren Urteil hin er sich für vorzüglich oder glücklich hält.