I-II, q. 2 a. 4
Ob die Glückseligkeit des Menschen in der Macht besteht?
Quaestio 2 · Von den Dingen, in denen die Glückseligkeit des Menschen besteht.
Einwand 1: Es scheint, dass die Glückseligkeit in der Macht besteht. Denn alle Dinge begehren, Gott ähnlich zu werden, als ihrem letzten Ziel und ersten Anfang. Aber Menschen, die an der Macht sind, scheinen aufgrund der Ähnlichkeit der Macht Gott am ähnlichsten zu sein; daher werden sie in der Schrift auch „Götter“ genannt (Ex 22,28): „Du sollst nicht schlecht von den Göttern reden.“ Also besteht die Glückseligkeit in der Macht.
Einwand 2: Ferner ist die Glückseligkeit das vollkommene Gut. Aber die höchste Vollkommenheit für den Menschen ist es, andere regieren zu können; was jenen zukommt, die an der Macht sind. Also besteht die Glückseligkeit in der Macht.
Einwand 3: Ferner, da die Glückseligkeit im höchsten Maße begehrenswert ist, ist sie dem entgegengesetzt, was vor allem zu meiden ist. Aber mehr als alles andere meiden die Menschen die Knechtschaft, welche der Macht entgegengesetzt ist. Also besteht die Glückseligkeit in der Macht.
Dagegen spricht, dass die Glückseligkeit das vollkommene Gut ist. Macht aber ist höchst unvollkommen. Denn wie Boethius sagt (De Consol. iii): „Die Macht des Menschen kann das Nagen der Sorge nicht lindern, noch kann sie den dornigen Pfad der Angst vermeiden“; und weiter unten: „Hältst du einen Menschen für mächtig, der von Dienern umgeben ist, denen er zwar Furcht einflößt, die er aber noch mehr fürchtet?“
Ich antworte darauf, dass es unmöglich ist, dass die Glückseligkeit in der Macht besteht; und dies aus zwei Gründen. Erstens, weil Macht den Charakter eines Prinzips hat, wie in Metaph. v, 12 dargelegt wird, wohingegen Glückseligkeit den Charakter des letzten Ziels hat. Zweitens, weil Macht Bezug zum Guten und zum Bösen hat; wohingegen Glückseligkeit das eigene und vollkommene Gut des Menschen ist. Daher könnte eine gewisse Glückseligkeit eher im guten Gebrauch der Macht bestehen, was durch Tugend geschieht, als in der Macht selbst.
Nun können vier allgemeine Gründe angeführt werden, um zu beweisen, dass die Glückseligkeit in keinem der vorangegangenen äußeren Güter besteht. Erstens, weil die Glückseligkeit, da sie das höchste Gut des Menschen ist, mit keinem Übel vereinbar ist. Alle vorangegangenen Dinge können jedoch sowohl bei guten als auch bei bösen Menschen gefunden werden. Zweitens, weil es, da es in der Natur der Glückseligkeit liegt, „aus sich selbst heraus zu genügen“, wie in Ethic. i, 7 dargelegt, dem Menschen nach Erlangung der Glückseligkeit an keinem notwendigen Gut mangeln kann. Aber nach dem Erwerb irgendeines der vorangegangenen Dinge kann es dem Menschen immer noch an vielen Gütern mangeln, die für ihn notwendig sind; zum Beispiel Weisheit, körperliche Gesundheit und dergleichen. Drittens, weil, da die Glückseligkeit das vollkommene Gut ist, niemandem daraus ein Übel erwachsen kann. Dies kann von den vorangegangenen Dingen nicht gesagt werden; denn es steht geschrieben (Prediger 5,12), dass „Reichtümer“ manchmal „zum Schaden des Besitzers aufbewahrt“ werden; und dasselbe kann von den anderen drei gesagt werden. Viertens, weil der Mensch durch Prinzipien, die in ihm sind, zur Glückseligkeit hingeordnet ist; da er von Natur aus dazu hingeordnet ist. Die vier oben genannten Güter aber sind eher äußeren Ursachen geschuldet und in den meisten Fällen dem Glück; weshalb sie Glücksgüter genannt werden. Daher ist es offensichtlich, dass die Glückseligkeit keineswegs in den vorangegangenen Dingen besteht.
Antwort auf Einwand 1: Gottes Macht ist Seine Güte; daher kann Er Seine Macht nicht anders als gut gebrauchen. Aber so ist es nicht bei den Menschen. Folglich genügt es für die Glückseligkeit des Menschen nicht, dass er Gott in der Macht ähnlich werde, wenn er Ihm nicht auch in der Güte ähnlich wird.
Antwort auf Einwand 2: So wie es eine sehr gute Sache für einen Menschen ist, von der Macht guten Gebrauch zu machen, indem er viele regiert, so ist es eine sehr schlechte Sache, wenn er schlechten Gebrauch davon macht. Und so verhält es sich, dass Macht zum Guten und zum Bösen ist.
Antwort auf Einwand 3: Knechtschaft ist ein Hindernis für den guten Gebrauch der Macht; deshalb meiden die Menschen sie von Natur aus; nicht weil das höchste Gut des Menschen in der Macht bestünde.