I-II, q. 2 a. 3
Ob die Glückseligkeit des Menschen im Ruhm oder in der Herrlichkeit besteht?
Quaestio 2 · Von den Dingen, in denen die Glückseligkeit des Menschen besteht.
Einwand 1: Es scheint, dass die Glückseligkeit des Menschen im Ruhm besteht. Denn die Glückseligkeit scheint in dem zu bestehen, was den Heiligen für die Prüfungen gezahlt wird, die sie in der Welt durchgemacht haben. Dies aber ist der Ruhm (gloria); denn der Apostel sagt (Röm 8,18): „Die Leiden dieser Zeit sind nicht wert, verglichen zu werden mit der kommenden Herrlichkeit (gloria), die an uns offenbart werden soll.“ Also besteht die Glückseligkeit im Ruhm.
Einwand 2: Ferner ist das Gute sich selbst mitteilend, wie von Dionysius festgestellt (Div. Nom. iv). Aber das Gut des Menschen wird durch Ruhm mehr als durch irgendetwas sonst in der Kenntnis anderer verbreitet; da nach Ambrosius [*Augustinus, Contra Maxim. Arian. ii. 13] Ruhm darin besteht, „bekannt zu sein und gelobt zu werden“. Also besteht die Glückseligkeit des Menschen im Ruhm.
Einwand 3: Ferner ist die Glückseligkeit das dauerhafteste Gut. Dies scheint nun der Ruf oder Ruhm zu sein; weil die Menschen dadurch gewissermaßen die Ewigkeit erlangen. Daher sagt Boethius (De Consol. ii): „Ihr scheint euch Ewigkeit zu zeugen, wenn ihr an euren Ruhm in künftiger Zeit denkt.“ Also besteht die Glückseligkeit des Menschen im Ruf oder Ruhm.
Dagegen spricht, dass die Glückseligkeit das wahre Gut des Menschen ist. Es geschieht aber, dass Ruf oder Ruhm falsch ist; denn wie Boethius sagt (De Consol. iii): „Viele verdanken ihren Ruf den lügenhaften Berichten, die unter dem Volk verbreitet werden. Kann irgendetwas schändlicher sein? Denn jene, die falschen Ruhm empfangen, müssen über ihr eigenes Lob erröten.“ Also besteht die Glückseligkeit des Menschen nicht in Ruf oder Ruhm.
Ich antworte darauf, dass die Glückseligkeit des Menschen nicht in menschlichem Ruf oder Ruhm bestehen kann. Denn Ruhm besteht darin, „bekannt zu sein und gelobt zu werden“, wie Ambrosius [*Augustinus, Contra Maxim. Arian. ii, 13] sagt. Nun verhält sich das gewusste Ding zum menschlichen Wissen anders als zum Wissen Gottes: Denn das menschliche Wissen wird durch die gewussten Dinge verursacht, wohingegen Gottes Wissen die Ursache der gewussten Dinge ist. Daher kann die Vollkommenheit des menschlichen Gutes, welche Glückseligkeit genannt wird, nicht durch menschliches Wissen verursacht werden; sondern vielmehr geht das menschliche Wissen von der Glückseligkeit eines anderen aus der menschlichen Glückseligkeit selbst hervor, sei sie angefangen oder vollendet, und wird gewissermaßen durch sie verursacht. Folglich kann die Glückseligkeit des Menschen nicht in Ruf oder Ruhm bestehen. Andererseits hängt das Gut des Menschen vom Wissen Gottes als seiner Ursache ab. Und deshalb hängt die Seligkeit des Menschen, wie von ihrer Ursache, von dem Ruhm ab, den der Mensch bei Gott hat; gemäß Ps. 90,15.16: „Ich will ihn befreien und ihn verherrlichen; ich will ihn sättigen mit langem Leben und ihm mein Heil zeigen.“
Ferner müssen wir beachten, dass menschliches Wissen oft fehlgeht, besonders bei kontingenten Einzeldingen, wie es menschliche Handlungen sind. Aus diesem Grund ist menschlicher Ruhm häufig trügerisch. Da aber Gott nicht getäuscht werden kann, ist Sein Ruhm immer wahr; daher steht geschrieben (2 Kor 10,18): „Der ist bewährt, den Gott empfiehlt.“
Antwort auf Einwand 1: Der Apostel spricht hier nicht von dem Ruhm, der bei den Menschen ist, sondern von dem Ruhm, der von Gott ist, bei Seinen Engeln. Daher steht geschrieben (Mk 8,38): „Der Menschensohn wird sich zu ihm bekennen in der Herrlichkeit seines Vaters vor seinen Engeln“ [*Thomas verbindet Mk 8,38 mit Lk 12,8 aufgrund einer möglichen Variante in seinem Text oder weil er aus dem Gedächtnis zitierte].
Antwort auf Einwand 2: Das Gut eines Menschen, das durch Ruf oder Ruhm im Wissen vieler ist, muss, wenn dieses Wissen wahr ist, von einem Gut abgeleitet sein, das im Menschen selbst existiert; und daher setzt es vollkommene oder angefangene Glückseligkeit voraus. Wenn aber das Wissen falsch ist, stimmt es nicht mit der Sache überein; und so existiert das Gute nicht in dem, der als berühmt angesehen wird. Daraus folgt, dass Ruhm den Menschen keineswegs glücklich machen kann.
Antwort auf Einwand 3: Ruhm hat keine Beständigkeit; tatsächlich wird er leicht durch falsche Berichte ruiniert. Und wenn er manchmal andauert, so geschieht dies zufällig. Aber die Glückseligkeit dauert aus sich selbst heraus und für immer an.