I, q. 93 a. 9
Ob „Ähnlichkeit“ (similitudo) eigentlich von „Bild“ (imago) unterschieden wird?
Quaestio 93 · Das Ziel oder der Endpunkt der Hervorbringung des Menschen
Einwand 1: Es scheint, dass „Ähnlichkeit“ nicht eigentlich von „Bild“ unterschieden wird. Denn „Genus“ wird nicht eigentlich von „Spezies“ unterschieden. Nun verhält sich „Ähnlichkeit“ zu „Bild“ wie Genus zu Spezies: weil, „wo Bild ist, da ist sogleich Ähnlichkeit, aber nicht umgekehrt“, wie Augustinus sagt (Lib. 83 Quaest., qu. 74). Also ist „Ähnlichkeit“ nicht eigentlich von „Bild“ zu unterscheiden.
Einwand 2: Ferner besteht die Natur des Bildes nicht nur in der Repräsentation der göttlichen Personen, sondern auch in der Repräsentation des göttlichen Wesens, zu welcher Repräsentation Unsterblichkeit und Unteilbarkeit gehören. So ist es nicht wahr zu sagen, dass die „Ähnlichkeit im Wesen ist, weil es unsterblich und unteilbar ist; wohingegen das Bild in anderen Dingen ist“ (Sent. ii, D, xvi).
Einwand 3: Ferner ist das Bild Gottes im Menschen dreifach – das Bild der Natur, der Gnade und der Herrlichkeit, wie oben erklärt (Art. 4). Aber Unschuld und Gerechtigkeit gehören zur Gnade. Also wird unkorrekt gesagt (Sent. ii, D, xvi), „dass das Bild vom Gedächtnis, dem Verständnis und dem Willen genommen ist, während die Ähnlichkeit von Unschuld und Gerechtigkeit ist.“
Einwand 4: Ferner gehört Erkenntnis der Wahrheit zum Intellekt, und Liebe zur Tugend zum Willen; welche zwei Dinge Teile des Bildes sind. Also ist es unkorrekt zu sagen (Sent. ii, D, xvi), dass „das Bild in der Erkenntnis der Wahrheit besteht, und die Ähnlichkeit in der Liebe zur Tugend.“
Dagegen spricht, dass Augustinus sagt (Lib. 83 Quaest., qu. 51): „Einige erwägen, dass diese zwei nicht ohne Grund erwähnt wurden, nämlich ‚Bild‘ und ‚Ähnlichkeit‘, da, wenn sie dasselbe bedeuteten, eines genügt hätte.“
Ich antworte darauf, dass Ähnlichkeit eine Art von Einheit ist, denn Einssein in der Qualität verursacht Ähnlichkeit, wie der Philosoph sagt (Metaph. v). Nun ist, da „eins“ eine Transzendentalie ist, es sowohl allen gemeinsam als auch jedem einzelnen Ding angepasst, genau wie das Gute und das Wahre. Weshalb, wie das Gute mit jedem einzelnen Ding verglichen werden kann, sowohl als seine Vorstufe (Präambel) als auch als nachfolgend, insofern es irgendeine Vollkommenheit darin bezeichnet, so existiert auch auf dieselbe Weise eine Art Vergleich zwischen „Ähnlichkeit“ und „Bild“. Denn das Gute ist eine Vorstufe zum Menschen, insofern der Mensch ein individuelles Gut ist; und wiederum ist das Gute dem Menschen nachfolgend, insofern wir von einem gewissen Menschen sagen können, dass er gut ist, aufgrund seiner vollkommenen Tugend. In gleicher Weise kann Ähnlichkeit im Licht einer Vorstufe zum Bild betrachtet werden, insofern sie etwas Allgemeineres ist als Bild, wie wir oben gesagt haben (Art. 1): und wiederum kann sie als dem Bild nachfolgend betrachtet werden, insofern sie eine gewisse Vollkommenheit des Bildes bezeichnet. Denn wir sagen, dass ein Bild dem ähnlich oder unähnlich ist, was es repräsentiert, je nachdem die Repräsentation vollkommen oder unvollkommen ist. So kann Ähnlichkeit vom Bild auf zwei Weisen unterschieden werden: erstens als seine Vorstufe und in mehr Dingen existierend, und in diesem Sinne betrifft Ähnlichkeit Dinge, die allgemeiner sind als die intellektuellen Eigenschaften, worin das Bild eigentlich zu sehen ist. In diesem Sinne wird festgestellt (Lib. 83 Quaest., qu. 51), dass „der Geist“ (nämlich das Gemüt) ohne Zweifel nach dem Bild Gottes gemacht wurde. „Aber die anderen Teile des Menschen“, die zu den niederen Vermögen der Seele oder sogar zum Körper gehören, „sind nach der Meinung einiger nach Gottes Ähnlichkeit gemacht.“ In diesem Sinne sagt er (De Quant. Animae ii), dass die Ähnlichkeit Gottes in der Unvergänglichkeit der Seele gefunden wird; denn vergänglich und unvergänglich sind Differenzen universeller Wesen. Aber Ähnlichkeit kann auf eine andere Weise betrachtet werden, als Ausdruck und Vollkommenheit des Bildes bezeichnend. In diesem Sinne sagt Damascenus (De Fide Orth. ii, 12), dass das Bild „ein intelligentes Wesen, begabt mit freiem Willen und Selbstbewegung“ impliziert, „wohingegen Ähnlichkeit eine Ähnlichkeit der Kraft impliziert, soweit dies im Menschen möglich sein mag.“ Im selben Sinne wird gesagt, dass „Ähnlichkeit“ zur „Liebe zur Tugend“ gehört: denn es gibt keine Tugend ohne Liebe zur Tugend.
Antwort auf Einwand 1: „Ähnlichkeit“ ist nicht von „Bild“ im allgemeinen Begriff der „Ähnlichkeit“ unterschieden (denn so ist sie im „Bild“ eingeschlossen); sondern insofern irgendeine „Ähnlichkeit“ hinter dem „Bild“ zurückbleibt, oder wiederum, wie sie die Idee des „Bildes“ vervollkommnet.
Antwort auf Einwand 2: Die Essenz der Seele gehört zum „Bild“, als das göttliche Wesen in jenen Dingen repräsentierend, die zur intellektuellen Natur gehören; aber nicht in jenen Bedingungen, die allgemeinen Begriffen des Seins nachfolgen, wie Einfachheit und Unauflöslichkeit.
Antwort auf Einwand 3: Selbst gewisse Tugenden sind der Seele natürlich, zumindest in ihren Keimen, aufgrund derer wir sagen können, dass eine natürliche „Ähnlichkeit“ in der Seele existiert. Noch ist es unpassend, den Begriff „Bild“ von einem Gesichtspunkt aus und von einem anderen den Begriff „Ähnlichkeit“ zu verwenden.
Antwort auf Einwand 4: Liebe zum Wort, welches geliebte Erkenntnis ist, gehört zur Natur des „Bildes“; aber Liebe zur Tugend gehört zur „Ähnlichkeit“, wie Tugend selbst zur Ähnlichkeit gehört.