I, q. 93 a. 1
Ob das Bild Gottes im Menschen ist?
Quaestio 93 · Das Ziel oder der Endpunkt der Hervorbringung des Menschen
Einwand 1: Es scheint, dass das Bild Gottes nicht im Menschen ist. Denn es steht geschrieben (Jes 40,18): „Wem habt ihr Gott verglichen? Oder welches Bild werdet ihr für ihn machen?“
Einwand 2: Ferner ist es die Eigenschaft des Erstgeborenen, Bild Gottes zu sein, von dem der Apostel sagt (Kol 1,15): „Der das Bild des unsichtbaren Gottes ist, der Erstgeborene aller Schöpfung.“ Also ist das Bild Gottes nicht im Menschen zu finden.
Einwand 3: Ferner sagt Hilarius (De Synod.), dass „ein Bild von derselben Spezies ist wie das, was es darstellt“; und er sagt auch, dass „ein Bild die ungeteilte und vereinte Ähnlichkeit eines Dinges ist, das ein anderes adäquat darstellt.“ Aber es gibt keine gemeinsame Spezies für Gott und Mensch; noch kann es einen Vergleich der Gleichheit zwischen Gott und Mensch geben. Also kann es kein Bild Gottes im Menschen geben.
Dagegen spricht, dass geschrieben steht (Gen 1,26): „Lasset uns den Menschen machen nach unserem Bild und Gleichnis.“
Ich antworte darauf, dass, wie Augustinus sagt (Lib. 83 Quaest., qu. 74): „Wo ein Bild existiert, da ist sogleich Ähnlichkeit; aber wo Ähnlichkeit ist, da ist nicht notwendigerweise ein Bild.“ Daher ist klar, dass Ähnlichkeit wesentlich für ein Bild ist; und dass ein Bild etwas zur Ähnlichkeit hinzufügt – nämlich, dass es von etwas anderem kopiert ist. Denn ein „Bild“ wird so genannt, weil es als Nachahmung von etwas anderem hervorgebracht wird; weshalb zum Beispiel ein Ei, wie sehr es auch einem anderen Ei gleicht und gleich ist, nicht das Bild des anderen Eies genannt wird, weil es nicht von ihm kopiert ist.
Aber Gleichheit gehört nicht zum Wesen eines Bildes; denn wie Augustinus sagt (Lib. 83 Quaest., qu. 74): „Wo ein Bild ist, da ist nicht notwendigerweise Gleichheit“, wie wir am Bild einer Person sehen, das in einem Spiegel reflektiert wird. Doch gehört dies zum Wesen eines vollkommenen Bildes; denn in einem vollkommenen Bild fehlt nichts, was in dem zu finden ist, wovon es eine Kopie ist. Nun ist offenkundig, dass im Menschen eine gewisse Ähnlichkeit zu Gott ist, kopiert von Gott als von einem Exemplar; doch ist diese Ähnlichkeit nicht eine der Gleichheit, denn ein solches Exemplar übertrifft seine Kopie unendlich. Daher ist im Menschen eine Ähnlichkeit zu Gott; zwar keine vollkommene, sondern eine unvollkommene. Und die Schrift deutet dasselbe an, wenn sie sagt, der Mensch sei „nach“ (ad) dem Bild Gottes gemacht; denn die Präposition „nach“ bezeichnet eine gewisse Annäherung, wie von etwas, das fern ist.
Antwort auf Einwand 1: Der Prophet spricht von körperlichen Bildern, die vom Menschen gemacht werden. Deshalb sagt er pointiert: „Welches Bild werdet ihr für ihn machen?“ Gott aber machte sich im Menschen ein geistiges Bild.
Antwort auf Einwand 2: Der Erstgeborene der Schöpfung ist das vollkommene Bild Gottes, das vollkommen das widerspiegelt, dessen Bild Er ist, und so wird Er das „Bild“ genannt und niemals „nach dem Bild“. Aber der Mensch wird sowohl „Bild“ genannt aufgrund der Ähnlichkeit, als auch „nach dem Bild“ aufgrund der unvollkommenen Ähnlichkeit. Und da die vollkommene Ähnlichkeit zu Gott nicht anders sein kann als in einer identischen Natur, existiert das Bild Gottes in Seinem erstgeborenen Sohn; wie das Bild des Königs in seinem Sohn ist, der von derselben Natur ist wie er selbst: wohingegen es im Menschen wie in einer fremden Natur existiert, wie das Bild des Königs auf einer Silbermünze ist, wie Augustinus in De decem Chordis erklärt.
Antwort auf Einwand 3: Da Einheit die Abwesenheit von Teilung bedeutet, wird eine Spezies als dieselbe bezeichnet, insofern sie eins ist. Nun wird ein Ding nicht nur numerisch, spezifisch oder generisch als eins bezeichnet, sondern auch gemäß einer gewissen Analogie oder Proportion. In diesem Sinne ist ein Geschöpf eins mit Gott oder Ihm ähnlich; aber wenn Hilarius sagt „von einem Ding, das ein anderes adäquat darstellt“, so ist dies von einem vollkommenen Bild zu verstehen.