I, q. 93 a. 4
Ob das Bild Gottes in jedem Menschen zu finden ist?
Quaestio 93 · Das Ziel oder der Endpunkt der Hervorbringung des Menschen
Einwand 1: Es scheint, dass das Bild Gottes nicht in jedem Menschen zu finden ist. Denn der Apostel sagt, dass „der Mann das Bild ... Gottes ist, die Frau aber das Bild [Vulg. Ehre] des Mannes“ (1 Kor 11,7). Da also die Frau ein Individuum der menschlichen Spezies ist, ist klar, dass nicht jedes Individuum ein Bild Gottes ist.
Einwand 2: Ferner sagt der Apostel (Röm 8,29): „Die Gott vorhererkannte, die hat er auch vorherbestimmt, dem Bilde seines Sohnes gleichgestaltet zu werden.“ Aber nicht alle Menschen sind vorherbestimmt. Also haben nicht alle Menschen die Gleichgestaltung des Bildes.
Einwand 3: Ferner gehört Ähnlichkeit zur Natur des Bildes, wie oben erklärt (Art. 1). Aber durch die Sünde wird der Mensch Gott unähnlich. Also verliert er das Bild Gottes.
Dagegen spricht, dass geschrieben steht (Ps 38,7): „Wahrlich, der Mensch geht dahin als ein Bild.“
Ich antworte darauf, dass, da der Mensch aufgrund seiner intellektuellen Natur das Bild Gottes genannt wird, er Gott am vollkommensten ähnlich ist gemäß dem, worin er Gott am besten nachahmen kann in seiner intellektuellen Natur. Nun ahmt die intellektuelle Natur Gott hauptsächlich darin nach, dass Gott sich selbst versteht und liebt. Weshalb wir sehen, dass das Bild Gottes auf drei Weisen im Menschen ist. Erstens, insofern der Mensch eine natürliche Eignung besitzt, Gott zu verstehen und zu lieben; und diese Eignung besteht in der Natur des Geistes selbst, die allen Menschen gemeinsam ist. Zweitens, insofern der Mensch Gott aktuell und habituell erkennt und liebt, wenn auch unvollkommen; und dieses Bild besteht in der Gleichförmigkeit der Gnade. Drittens, insofern der Mensch Gott vollkommen erkennt und liebt; und dieses Bild besteht in der Ähnlichkeit der Herrlichkeit. Weshalb die Glosse zu den Worten „Das Licht deines Antlitzes, o Herr, ist über uns gezeichnet“ (Ps 4,7) ein dreifaches Bild unterscheidet: der „Schöpfung“, der „Neuschöpfung“ und der „Ähnlichkeit“. Das erste findet sich in allen Menschen, das zweite nur in den Gerechten, das dritte nur in den Seligen.
Antwort auf Einwand 1: Das Bild Gottes in seiner hauptsächlichen Bedeutung, nämlich der intellektuellen Natur, findet sich sowohl im Mann als auch in der Frau. Daher wird nach den Worten „Nach dem Bild Gottes schuf Er ihn“ hinzugefügt: „Als Mann und Frau schuf Er sie“ (Gen 1,27). Überdies heißt es „sie“ im Plural, wie Augustinus (Gen. ad lit. iii, 22) bemerkt, damit nicht gedacht würde, beide Geschlechter seien in einem Individuum vereint. Aber in einem sekundären Sinn findet sich das Bild Gottes im Mann und nicht in der Frau: denn der Mann ist Anfang und Ende der Frau; wie Gott Anfang und Ende jedes Geschöpfes ist. Wenn also der Apostel gesagt hatte, dass „der Mann das Bild und die Ehre Gottes ist, die Frau aber die Ehre des Mannes“, fügt er seinen Grund hinzu, warum er dies sagt: „Denn der Mann ist nicht von der Frau, sondern die Frau vom Mann; und der Mann wurde nicht für die Frau geschaffen, sondern die Frau für den Mann.“
Antwort auf Einwand 2 und 3: Diese Gründe beziehen sich auf das Bild, das in der Gleichförmigkeit der Gnade und Herrlichkeit besteht.