I, q. 93 a. 8
Ob das Bild der göttlichen Trinität in der Seele nur durch Vergleich mit Gott als ihrem Objekt ist?
Quaestio 93 · Das Ziel oder der Endpunkt der Hervorbringung des Menschen
Einwand 1: Es scheint, dass das Bild der göttlichen Trinität in der Seele nicht nur durch Vergleich mit Gott als ihrem Objekt ist. Denn das Bild der göttlichen Trinität ist in der Seele zu finden, wie oben gezeigt (Art. 7), insofern das Wort in uns vom Sprechenden ausgeht; und die Liebe von beiden. Aber dies ist in uns hinsichtlich jedes Objekts zu finden. Also ist das Bild der göttlichen Trinität in unserem Geist hinsichtlich jedes Objekts.
Einwand 2: Ferner sagt Augustinus (De Trin. xii, 4), dass, „wenn wir die Trinität in der Seele suchen, wir sie in der ganzen Seele suchen, ohne den Prozess des Denkens in zeitlichen Dingen von der Betrachtung ewiger Dinge zu trennen.“ Also ist das Bild der Trinität in der Seele zu finden, selbst hinsichtlich zeitlicher Objekte.
Einwand 3: Ferner ist es durch Gnade, dass wir Gott erkennen und lieben können. Wenn daher das Bild der Trinität in der Seele aufgrund des Gedächtnisses, Verständnisses und Willens oder der Liebe zu Gott gefunden wird, ist dieses Bild nicht von Natur aus im Menschen, sondern durch Gnade, und ist somit nicht allen gemeinsam.
Einwand 4: Ferner sind die Heiligen im Himmel dem Bild Gottes durch die beseligende Schau am vollkommensten gleichgestaltet; weshalb geschrieben steht (2 Kor 3,18): „Wir ... werden in dasselbe Bild verwandelt von Herrlichkeit zu Herrlichkeit.“ Aber zeitliche Dinge werden durch die beseligende Schau erkannt. Also existiert das Bild Gottes in uns auch gemäß zeitlichen Dingen.
Dagegen spricht, dass Augustinus sagt (De Trin. xiv, 12): „Das Bild Gottes existiert im Geist, nicht weil er eine Erinnerung an sich selbst hat, sich selbst liebt und sich selbst versteht; sondern weil er sich auch an Gott erinnern, Ihn verstehen und lieben kann, von Dem er gemacht wurde.“ Viel weniger also ist das Bild Gottes in der Seele in Bezug auf andere Objekte.
Ich antworte darauf, dass, wie oben erklärt (Art. 2, 7), Bild eine Ähnlichkeit bedeutet, die in gewissem Grad, wie klein auch immer, zu einer Repräsentation der Spezies gelangt. Weshalb wir im Bild der göttlichen Trinität in der Seele irgendeine Art von Repräsentation der Spezies der göttlichen Personen suchen müssen, soweit dies einem Geschöpf möglich ist. Nun sind die göttlichen Personen, wie oben angegeben (Art. 6, 7), voneinander unterschieden gemäß dem Hervorgang des Wortes vom Sprechenden und dem Hervorgang der Liebe, die Beide verbindet. Überdies ist das Wort Gottes von Gott geboren durch die Erkenntnis Seiner selbst; und die Liebe geht von Gott aus, insofern Er sich selbst liebt. Aber es ist klar, dass Verschiedenheit der Objekte die Spezies von Wort und Liebe diversifiziert; denn im menschlichen Geist ist die Spezies eines Steins spezifisch verschieden von der eines Pferdes, weshalb auch die Liebe bezüglich jedes von ihnen spezifisch verschieden ist. Daher beziehen wir das göttliche Bild im Menschen auf das verbale Konzept, das aus der Erkenntnis Gottes geboren ist, und auf die Liebe, die daraus abgeleitet ist. So wird das Bild Gottes in der Seele gefunden, insofern die Seele sich Gott zuwendet oder eine Natur besitzt, die es ihr ermöglicht, sich Gott zuzuwenden. Nun kann sich der Geist einem Objekt auf zwei Weisen zuwenden: direkt und unmittelbar, oder indirekt und mittelbar; wie zum Beispiel, wenn jemand einen Menschen in einem Spiegel reflektiert sieht, gesagt werden kann, dass er sich jenem Menschen zuwendet. So sagt Augustinus (De Trin. xiv, 8), dass „der Geist sich seiner erinnert, sich versteht und sich liebt. Wenn wir dies wahrnehmen, nehmen wir eine Trinität wahr, nicht zwar Gott, aber dennoch zu Recht das Bild Gottes genannt.“ Aber dies liegt an der Tatsache, nicht dass der Geist absolut über sich selbst reflektiert, sondern dass er sich dadurch ferner Gott zuwenden kann, wie aus der oben zitierten Autorität hervorgeht (Arg. Dagegen spricht).
Antwort auf Einwand 1: Für den Begriff eines Bildes genügt es nicht, dass etwas von einem anderen ausgeht, sondern es ist auch notwendig zu beobachten, was ausgeht und woher es ausgeht; nämlich dass das, was Wort Gottes ist, aus der Erkenntnis Gottes ausgeht.
Antwort auf Einwand 2: In der ganzen Seele können wir eine Art Trinität sehen, nicht jedoch so, als ob neben der Handlung zeitlicher Dinge und der Betrachtung ewiger Dinge „irgendein drittes Ding erforderlich wäre, um die Trinität auszumachen“, wie er an derselben Stelle hinzufügt. Aber in jenem Teil der Vernunft, der mit zeitlichen Dingen befasst ist, „mag zwar eine Trinität gefunden werden; doch ist das Bild Gottes dort nicht zu sehen“, wie er weiter unten sagt; insofern diese Erkenntnis zeitlicher Dinge der Seele adventitisch ist. Überdies sind selbst die Habitus, wodurch zeitliche Dinge erkannt werden, nicht immer präsent; sondern manchmal sind sie aktuell präsent, und manchmal nur im Gedächtnis präsent, selbst nachdem sie in der Seele zu existieren beginnen. Dies ist klar der Fall beim Glauben, der uns zeitlich für dieses gegenwärtige Leben zukommt; während im zukünftigen Leben der Glaube nicht mehr existieren wird, sondern nur die Erinnerung an den Glauben.
Antwort auf Einwand 3: Die verdienstliche Erkenntnis und Liebe Gottes kann nur durch Gnade in uns sein. Doch gibt es eine gewisse natürliche Erkenntnis und Liebe, wie oben gesehen (Q. 12, Art. 12; Q. 56, Art. 3; Q. 60, Art. 5). Dies ist auch natürlich, dass der Geist, um Gott zu verstehen, Gebrauch von der Vernunft machen kann, in welchem Sinne wir bereits gesagt haben, dass das Bild Gottes immer in der Seele bleibt; „ob dieses Bild Gottes so veraltet ist“, gleichsam verdunkelt, „dass es fast auf nichts hinausläuft“, wie in denen, die nicht den Gebrauch der Vernunft haben; „oder verdunkelt und entstellt“, wie in den Sündern; oder „klar und schön“, wie in den Gerechten; wie Augustinus sagt (De Trin. xiv, 6).
Antwort auf Einwand 4: Durch die Schau der Herrlichkeit werden zeitliche Dinge in Gott selbst gesehen werden; und eine solche Schau zeitlicher Dinge wird zum Bild Gottes gehören. Dies ist es, was Augustinus meint (De Trin. xiv, 6), wenn er sagt, dass „in jener Natur, der der Geist selig anhängen wird, was immer er sieht, er als unveränderlich sehen wird“; denn im Unerschaffenen Wort sind die Typen aller Geschöpfe.