I, q. 93 a. 3
Ob die Engel mehr nach dem Bild Gottes sind als der Mensch?
Quaestio 93 · Das Ziel oder der Endpunkt der Hervorbringung des Menschen
Einwand 1: Es scheint, dass die Engel nicht mehr nach dem Bild Gottes sind als der Mensch. Denn Augustinus sagt in einer Predigt de Imagine (de verbis Apost. xxvii), dass Gott keinem anderen Geschöpf außer dem Menschen gewährt hat, nach Seinem Bild zu sein. Daher ist es nicht wahr zu sagen, dass die Engel mehr als der Mensch nach dem Bild Gottes sind.
Einwand 2: Ferner ist nach Augustinus (Lib. 83 Quaest., qu. 51) „der Mensch so sehr nach Gottes Bild, dass Gott kein Geschöpf gemacht hat, das zwischen Ihm und dem Menschen wäre: und deshalb ist Ihm nichts verwandter.“ Aber ein Geschöpf wird Gottes Bild genannt, insofern es Gott verwandt ist. Also sind die Engel nicht mehr nach dem Bild Gottes als der Mensch.
Einwand 3: Ferner wird ein Geschöpf nach Gottes Bild genannt, insofern es von intellektueller Natur ist. Aber die intellektuelle Natur lässt keine Intensität oder Nachlassen zu; denn sie ist kein Akzidens, da sie eine Substanz ist. Also sind die Engel nicht mehr nach dem Bild Gottes als der Mensch.
Dagegen spricht, dass Gregor sagt (Hom. in Evang. xxxiv): „Der Engel wird ein ‚Siegel der Ähnlichkeit‘ [Ez 28,12] genannt, weil in ihm die Ähnlichkeit des göttlichen Bildes mit größerem Ausdruck gewirkt ist.“
Ich antworte darauf, dass wir auf zwei Weisen vom Bild Gottes sprechen können. Erstens können wir darin das betrachten, worin das Bild hauptsächlich besteht, das heißt, die intellektuelle Natur. So ist das Bild Gottes in den Engeln vollkommener als im Menschen, weil ihre intellektuelle Natur vollkommener ist, wie aus dem Gesagten klar ist (Q. 58, Art. 3; Q. 79, Art. 8). Zweitens können wir das Bild Gottes im Menschen hinsichtlich seiner akzidentellen Qualitäten betrachten, insofern wir im Menschen eine gewisse Nachahmung Gottes beobachten, die darin besteht, dass der Mensch vom Menschen hervorgeht, wie Gott von Gott; und auch darin, dass die ganze menschliche Seele im ganzen Körper ist und wiederum in jedem Teil, wie Gott in Bezug auf die ganze Welt ist. In diesen und ähnlichen Dingen ist das Bild Gottes im Menschen vollkommener als in den Engeln. Aber diese gehören nicht an sich zur Natur des göttlichen Bildes im Menschen, es sei denn, wir setzen die erste Ähnlichkeit voraus, die in der intellektuellen Natur liegt; sonst wären sogar vernunftlose Tiere nach Gottes Bild. Da also die Engel in ihrer intellektuellen Natur mehr nach dem Bild Gottes sind als der Mensch, müssen wir zugeben, dass absolut gesprochen die Engel mehr nach dem Bild Gottes sind als der Mensch, dass aber in gewisser Hinsicht der Mensch Gott ähnlicher ist.
Antwort auf Einwand 1: Augustinus schließt die niederen, der Vernunft beraubten Geschöpfe vom Bild Gottes aus; aber nicht die Engel.
Antwort auf Einwand 2: Wie Feuer spezifisch als das subtilste der Körper bezeichnet wird, während dennoch eine Art von Feuer subtiler ist als eine andere; so sagen wir, dass nichts Gott ähnlicher ist als die menschliche Seele in ihrer generischen und intellektuellen Natur, weil, wie Augustinus zuvor gesagt hatte, „Dinge, die Erkenntnis haben, Ihm in der Ähnlichkeit so nahe sind, dass von allen Geschöpfen keines näher ist.“ Weshalb dies nicht bedeutet, dass die Engel nicht mehr nach Gottes Bild sind.
Antwort auf Einwand 3: Wenn wir sagen, dass Substanz kein Mehr oder Weniger zulässt, meinen wir nicht, dass eine Spezies von Substanz nicht vollkommener ist als eine andere; sondern dass ein und dasselbe Individuum nicht zu einer Zeit mehr an seiner spezifischen Natur teilhat als zu einer anderen; noch meinen wir, dass eine Spezies von Substanz unter verschiedenen Individuen in einem größeren oder geringeren Grad geteilt wird.