I, q. 89 a. 5
Ob der hier erworbene Habitus der Wissenschaft in der getrennten Seele verbleibt?
Quaestio 89 · Von der Erkenntnis der getrennten Seele
Einwand 1: Es scheint, dass der in diesem Leben erworbene Habitus der Wissenschaft nicht in der vom Körper getrennten Seele verbleibt: denn der Apostel sagt: „Die Erkenntnis wird vergehen“ (1 Kor 13,8).
Einwand 2: Ferner genießen einige in dieser Welt, die weniger gut sind, eine Erkenntnis, die anderen verwehrt ist, die besser sind. Wenn daher der Habitus der Wissenschaft nach dem Tod in der Seele verbliebe, würde folgen, dass einige, die weniger gut sind, sogar im zukünftigen Leben einige übertreffen würden, die besser sind; was unvernünftig erscheint.
Einwand 3: Ferner werden getrennte Seelen Erkenntnis durch den Einfluss des göttlichen Lichtes besitzen. Angenommen daher, dass die hier erworbene Erkenntnis in der getrennten Seele verbliebe, so würde folgen, dass zwei Formen derselben Spezies im selben Subjekt koexistieren würden, was nicht sein kann.
Einwand 4: Ferner sagt der Philosoph (Praedic. vi, 4,5), dass „ein Habitus eine Qualität ist, die schwer zu entfernen ist: doch manchmal wird Wissen durch Krankheit oder dergleichen zerstört“. Aber in diesem Leben gibt es keine so gründliche Veränderung wie den Tod. Daher scheint es, dass der Habitus der Wissenschaft durch den Tod zerstört wird.
Dagegen spricht: Hieronymus sagt (Ep. liii, ad Paulinum): „Lasst uns auf Erden jene Art von Wissen lernen, die im Himmel bei uns bleiben wird.“
Ich antworte darauf: Einige sagen, dass der Habitus der Wissenschaft nicht im Intellekt selbst residiert, sondern in den sensitiven Kräften, nämlich der Einbildungskraft, der Denkkraft (vis cogitativa) und dem Gedächtnis, und dass die intelligiblen Spezies nicht im möglichen Intellekt (intellectus possibilis) bewahrt werden. Wäre dies wahr, so würde folgen, dass, wenn der Körper durch den Tod zerstört wird, die hier erworbene Erkenntnis ebenfalls gänzlich zerstört würde.
Da aber die Erkenntnis im Intellekt residiert, welcher der „Ort der Spezies“ ist, wie der Philosoph sagt (De Anima iii, 4), muss der hier erworbene Habitus der Wissenschaft teilweise in den genannten sensitiven Kräften und teilweise im Intellekt selbst sein. Dies kann man sehen, wenn man die Handlungen betrachtet, aus denen Wissen entsteht. Denn „Habitus sind wie die Handlungen, durch die sie erworben werden“ (Ethic. ii, 1). Nun werden die Handlungen des Intellekts, durch die hier Wissen erworben wird, dadurch vollzogen, dass sich der Geist den Phantasmen in den genannten sensitiven Kräften zuwendet. Daher erwirbt der mögliche Intellekt durch solche Akte eine gewisse Leichtigkeit in der Betrachtung der empfangenen Spezies: und die genannten sensitiven Kräfte erwerben eine gewisse Eignung, die Handlung des Intellekts zu unterstützen, wenn er sich ihnen zuwendet, um das intelligible Objekt zu betrachten. Da aber der intellektuelle Akt hauptsächlich und formal im Intellekt selbst residiert, während er materiell und dispositiv in den niederen Kräften residiert, ist dieselbe Unterscheidung auf den Habitus anzuwenden.
Die im gegenwärtigen Leben erworbene Erkenntnis verbleibt daher nicht in der getrennten Seele, was das betrifft, was zu den sensitiven Kräften gehört; aber was das betrifft, was zum Intellekt selbst gehört, muss sie verbleiben; denn wie der Philosoph sagt (De Long. et Brev. Vitae ii), kann eine Form auf zwei Weisen zerstört werden; erstens direkt, wenn sie durch ihr Gegenteil zerstört wird, wie Hitze durch Kälte; und zweitens indirekt, wenn ihr Subjekt zerstört wird. Nun ist es offensichtlich, dass menschliche Erkenntnis nicht durch die Zerstörung des Subjekts zerstört wird, denn der Intellekt ist ein unvergängliches Vermögen, wie oben festgestellt (Quaestio [79], Artikel [2], ad 2). Auch können die intelligiblen Spezies im möglichen Intellekt nicht durch ihr Gegenteil zerstört werden; denn es gibt kein Gegenteil zu intelligiblen „Intentionen“, vor allem was das einfache Verständnis dessen betrifft, „was ein Ding ist“. Aber Gegensätzlichkeit kann im Intellekt existieren hinsichtlich der mentalen Zusammensetzung und Teilung oder auch des logischen Schließens; insofern das Falsche in Aussage oder Argument dem Wahren entgegengesetzt ist. Und so kann Wissen durch sein Gegenteil zerstört werden, wenn ein falsches Argument jemanden von der Erkenntnis der Wahrheit abbringt. Aus diesem Grund erwähnt der Philosoph im oben genannten Werk zwei Wege, auf denen Wissen direkt zerstört wird: nämlich „Vergessenheit“ seitens der Gedächtniskraft und „Täuschung“ seitens eines falschen Arguments. Aber diese haben keinen Platz in der getrennten Seele. Daher müssen wir schließen, dass der Habitus der Wissenschaft, insofern er im Intellekt ist, in der getrennten Seele verbleibt.
Antwort auf Einwand 1: Der Apostel spricht nicht von der Erkenntnis als einem Habitus, sondern in Bezug auf den Akt des Erkennens; und daher sagt er zum Beweis der zitierten Behauptung: „Jetzt erkenne ich stückweise.“
Antwort auf Einwand 2: Wie ein weniger guter Mensch einen besseren Menschen an körperlicher Statur übertreffen kann, so kann dieselbe Art von Mensch im zukünftigen Leben einen Habitus der Wissenschaft haben, den ein besserer Mensch vielleicht nicht hat. Eine solche Erkenntnis kann jedoch nicht mit den anderen Vorzügen verglichen werden, die der bessere Mensch genießt.
Antwort auf Einwand 3: Diese zwei Arten der Erkenntnis sind nicht von derselben Spezies, daher besteht keine Unmöglichkeit.
Antwort auf Einwand 4: Dieser Einwand betrachtet die Zerstörung der Erkenntnis seitens der sensitiven Kräfte.