I, q. 89 a. 1
Ob die vom Leib getrennte Seele etwas verstehen kann?
Quaestio 89 · Von der Erkenntnis der getrennten Seele
Einwand 1: Es scheint, dass die vom Körper getrennte Seele überhaupt nichts verstehen kann. Denn der Philosoph sagt (De Anima i, 4), dass „das Verstehen zusammen mit seinem inneren Prinzip vergeht“. Durch den Tod aber werden alle menschlichen inneren Prinzipien zerstört. Daher wird auch der Intellekt selbst zerstört.
Einwand 2: Ferner wird die menschliche Seele am Verstehen gehindert, wenn die Sinne gebunden sind und die Einbildungskraft abgelenkt ist, wie oben dargelegt wurde (Quaestio [84], Artikel [7], 8). Der Tod aber zerstört die Sinne und die Einbildungskraft, wie wir oben gezeigt haben (Quaestio [77], Artikel [8]). Daher versteht die Seele nach dem Tod nichts.
Einwand 3: Ferner, wenn die getrennte Seele verstehen kann, muss dies mittels irgendeiner Spezies geschehen. Sie versteht aber nicht mittels angeborener Spezies, da sie keine solchen besitzt; denn sie ist anfangs „wie eine Tafel, auf der nichts geschrieben steht“. Auch versteht sie nicht durch Spezies, die von den Dingen abstrahiert werden, denn sie besitzt dann keine Organe der Sinne und der Einbildungskraft, die für die Abstraktion der Spezies notwendig sind. Auch versteht sie nicht mittels Spezies, die früher abstrahiert und in der Seele bewahrt wurden; denn wäre dies so, hätte die Seele eines Kindes überhaupt kein Mittel zum Verstehen. Auch versteht sie nicht mittels göttlich eingegossener intelligibler Spezies, denn eine solche Erkenntnis wäre nicht natürlich, wovon wir jetzt handeln, sondern eine Wirkung der Gnade. Daher versteht die vom Körper getrennte Seele nichts.
Dagegen spricht: Der Philosoph sagt (De Anima i, 1): „Wenn die Seele keine eigene Tätigkeit hätte, könnte sie nicht vom Körper getrennt werden.“ Die Seele wird aber vom Körper getrennt; daher hat sie eine eigene Tätigkeit, und zwar vor allem jene, die im geistigen Erkennen besteht. Daher kann die Seele verstehen, wenn sie vom Körper getrennt ist.
Ich antworte darauf: Die Schwierigkeit bei der Lösung dieser Frage rührt daher, dass die mit dem Körper vereinte Seele nur durch die Hinwendung zu den Phantasmen verstehen kann, wie die Erfahrung zeigt. Käme dies nicht aus der Natur der Seele selbst, sondern akzidentell durch ihre Verbindung mit dem Körper, wie die Platoniker sagten, so würde die Schwierigkeit verschwinden; denn in diesem Fall würde die Seele, sobald der Körper entfernt ist, sogleich zu ihrer eigenen Natur zurückkehren und intelligible Dinge einfach verstehen, ohne sich den Phantasmen zuzuwenden, wie es bei anderen getrennten Substanzen der Fall ist. In diesem Fall wäre jedoch die Vereinigung von Seele und Körper nicht zum Wohle der Seele, denn offensichtlich würde sie im Körper schlechter verstehen als außerhalb desselben; sondern sie wäre zum Wohle des Körpers, was unvernünftig wäre, da die Materie um der Form willen existiert und nicht die Form um der Materie willen. Wenn wir aber zugeben, dass die Natur der Seele es erfordert, durch die Hinwendung zu den Phantasmen zu verstehen, so scheint es, da der Tod ihre Natur nicht ändert, dass sie dann auf natürliche Weise nichts verstehen kann, da die Phantasmen fehlen, denen sie sich zuwenden könnte.
Um diese Schwierigkeit zu lösen, müssen wir bedenken, dass, da nichts handelt, außer insofern es in Akt ist, die Wirkweise in jedem Agens seiner Seinsweise folgt. Nun hat die Seele eine Seinsweise, wenn sie im Körper ist, und eine andere, wenn sie von ihm getrennt ist, wobei ihre Natur immer dieselbe bleibt; dies bedeutet jedoch nicht, dass ihre Vereinigung mit dem Körper etwas Akzidentelles ist, denn im Gegenteil gehört eine solche Vereinigung zu ihrer eigentlichen Natur, so wie die Natur eines leichten Gegenstandes nicht verändert wird, wenn er an seinem eigenen Ort ist, was ihm natürlich ist, oder außerhalb seines eigenen Ortes, was wider seine Natur ist. Die Seele hat daher, wenn sie mit dem Körper vereint ist, in Übereinstimmung mit dieser Seinsweise eine Weise des Verstehens durch die Hinwendung zu körperlichen Phantasmen, die in körperlichen Organen sind; wenn sie aber vom Körper getrennt ist, hat sie eine Weise des Verstehens durch die Hinwendung zu rein intelligiblen Objekten, wie es anderen getrennten Substanzen eigen ist. Daher ist es für die Seele ebenso natürlich, durch die Hinwendung zu den Phantasmen zu verstehen, wie es für sie natürlich ist, mit dem Körper verbunden zu sein; aber vom Körper getrennt zu sein, entspricht nicht ihrer Natur, und ebenso ist es ihr nicht natürlich, ohne Hinwendung zu den Phantasmen zu verstehen; und daher ist sie mit dem Körper vereint, damit sie ein Dasein und eine Tätigkeit haben kann, die ihrer Natur entsprechen. Aber hier entsteht wiederum eine Schwierigkeit. Denn da die Natur immer auf das Beste hingeordnet ist und da es besser ist, durch die Hinwendung zu rein intelligiblen Objekten zu verstehen als durch die Hinwendung zu den Phantasmen, hätte Gott die Natur der Seele so ordnen sollen, dass ihr die edlere Weise des Verstehens natürlich gewesen wäre und sie zu diesem Zweck den Körper nicht benötigt hätte.
Um diese Schwierigkeit zu lösen, müssen wir bedenken, dass es zwar an sich edler ist, durch die Hinwendung zu etwas Höherem zu verstehen als durch die Hinwendung zu Phantasmen, dass aber eine solche Weise des Verstehens im Hinblick auf das, was der Seele möglich war, nicht so vollkommen gewesen wäre. Dies wird deutlich, wenn wir bedenken, dass jede intellektuelle Substanz die Erkenntniskraft durch den Einfluss des göttlichen Lichtes besitzt, das in seinem ersten Prinzip eins und einfach ist; und je weiter die intellektuellen Geschöpfe vom ersten Prinzip entfernt sind, desto mehr wird das Licht geteilt und vervielfältigt, wie es bei Linien der Fall ist, die vom Mittelpunkt eines Kreises ausstrahlen. Daher kommt es, dass Gott durch sein eines Wesen alle Dinge versteht; während die höheren intellektuellen Substanzen mittels einer Anzahl von Spezies verstehen, die dennoch weniger zahlreich und universeller sind und ein tieferes Verständnis der Dinge gewähren, aufgrund der Wirksamkeit der intellektuellen Kraft solcher Naturen: wohingegen die niederen intellektuellen Naturen eine größere Anzahl von Spezies besitzen, die weniger universell sind und einen geringeren Grad an Verständnis gewähren, in dem Maße, wie sie von der intellektuellen Kraft der höheren Naturen zurücktreten. Wenn daher die niederen Substanzen Spezies im gleichen Grad der Universalität empfingen wie die höheren Substanzen, so wäre die Erkenntnis, die sie durch diese erlangen würden, da sie im Verstehen nicht so stark sind, unvollkommen und von allgemeiner und verworrener Natur. Wir können dies bis zu einem gewissen Grad beim Menschen sehen, denn jene, die von schwächerem Verstand sind, vermögen durch die universellen Begriffe derer, die einen besseren Verstand haben, keine vollkommene Erkenntnis zu erlangen, es sei denn, die Dinge werden ihnen einzeln und im Detail erklärt. Nun ist es klar, dass in der natürlichen Ordnung die menschlichen Seelen den untersten Platz unter den intellektuellen Substanzen einnehmen. Die Vollkommenheit des Universums erforderte jedoch verschiedene Stufen des Seins. Hätte Gott also gewollt, dass die Seelen auf dieselbe Weise verstehen wie die getrennten Substanzen, so würde daraus folgen, dass die menschliche Erkenntnis, weit davon entfernt, vollkommen zu sein, verworren und allgemein wäre. Um es daher den menschlichen Seelen zu ermöglichen, eine vollkommene und eigene Erkenntnis zu besitzen, wurden sie so geschaffen, dass ihre Natur es erforderte, mit Körpern verbunden zu sein und so die eigene und angemessene Erkenntnis der sinnlichen Dinge von den sinnlichen Dingen selbst zu empfangen; so sehen wir bei ungebildeten Menschen, dass sie durch sinnliche Beispiele gelehrt werden müssen.
Es ist also klar, dass es zum Wohle der Seele war, dass sie mit einem Körper vereint wurde und dass sie durch die Hinwendung zu den Phantasmen versteht. Dennoch ist es ihr möglich, getrennt vom Körper zu existieren und auch auf eine andere Weise zu verstehen.
Antwort auf Einwand 1: Wenn man die Worte des Philosophen sorgfältig prüft, zeigen sie, dass er dies unter der vorherigen Annahme sagte, dass das Verstehen eine Bewegung von Leib und Seele als Einheit ist, so wie es die Sinneswahrnehmung ist, denn er hatte den Unterschied zwischen Intellekt und Sinn noch nicht erklärt. Wir können auch sagen, dass er sich auf die Weise des Verstehens durch die Hinwendung zu Phantasmen bezieht. Dies ist auch der Sinn des zweiten Einwandes.
Antwort auf Einwand 3: Die getrennte Seele versteht weder durch angeborene Spezies noch durch dann abstrahierte Spezies, noch allein durch bewahrte Spezies, und dies beweist der Einwand; sondern die Seele versteht in jenem Zustand mittels partizipierter Spezies, die aus dem Einfluss des göttlichen Lichtes hervorgehen, an dem die Seele wie auch andere getrennte Substanzen teilhaben, wenngleich in geringerem Maße. Sobald sie also aufhört, durch die Hinwendung zum Körperlichen (den Phantasmen) zu handeln, wendet sich die Seele sogleich den höheren Dingen zu; noch ist diese Art der Erkenntnis unnatürlich, denn Gott ist der Urheber des Zuflusses sowohl des Lichtes der Gnade als auch des Lichtes der Natur.