I, q. 89 a. 3
Ob die getrennte Seele alle natürlichen Dinge erkennt?
Quaestio 89 · Von der Erkenntnis der getrennten Seele
Einwand 1: Es scheint, dass die getrennte Seele alle natürlichen Dinge erkennt. Denn die Typen aller natürlichen Dinge existieren in den getrennten Substanzen. Da also getrennte Seelen getrennte Substanzen kennen, kennen sie auch alle natürlichen Dinge.
Einwand 2: Ferner, wer das größere Intelligible versteht, wird umso mehr fähig sein, das geringere Intelligible zu verstehen. Aber die getrennte Seele versteht immaterielle Substanzen, die im höchsten Grad der Intelligibilität sind. Daher kann sie umso mehr alle natürlichen Dinge verstehen, die in einem niedrigeren Grad der Intelligibilität sind.
Dagegen spricht: Die Teufel haben eine größere natürliche Erkenntnis als die getrennte Seele; dennoch kennen sie nicht alle natürlichen Dinge, sondern müssen viele Dinge durch lange Erfahrung lernen, wie Isidor sagt (De Summo Bono i). Daher kann auch die getrennte Seele nicht alle natürlichen Dinge kennen.
Ich antworte darauf: Wie oben gesagt (Artikel [1]), versteht die getrennte Seele, wie die Engel, mittels Spezies, die sie durch den Einfluss des göttlichen Lichtes empfängt. Da jedoch die Seele von Natur aus geringer ist als ein Engel, dem diese Art der Erkenntnis natürlich ist, empfängt die vom Körper getrennte Seele durch solche Spezies keine vollkommene Erkenntnis, sondern nur eine allgemeine und verworrene Art der Erkenntnis. Getrennte Seelen haben daher durch solche Spezies dasselbe Verhältnis zu einer unvollkommenen und verworrenen Erkenntnis der natürlichen Dinge, wie die Engel es zur vollkommenen Erkenntnis derselben haben. Nun kennen Engel durch solche Spezies alle natürlichen Dinge vollkommen; denn alles, was Gott in den jeweiligen Naturen der natürlichen Dinge hervorgebracht hat, ist von Ihm in der engelhaften Intelligenz hervorgebracht worden, wie Augustinus sagt (Gen. ad lit. ii, 8). Daraus folgt, dass getrennte Seelen alle natürlichen Dinge nicht mit einer sicheren und eigentlichen Erkenntnis kennen, sondern in einer allgemeinen und verworrenen Weise.
Antwort auf Einwand 1: Selbst ein Engel versteht nicht alle natürlichen Dinge durch seine Substanz, sondern durch gewisse Spezies, wie oben gesagt (Quaestio [87], Artikel [1]). So folgt nicht, dass die Seele alle natürlichen Dinge kennt, weil sie getrennte Substanzen auf eine gewisse Weise kennt.
Antwort auf Einwand 2: Da die vom Körper getrennte Seele getrennte Substanzen nicht vollkommen versteht, so kennt sie auch nicht alle natürlichen Dinge vollkommen; sondern sie kennt sie verworren, wie oben in diesem Artikel erklärt wurde.
Antwort auf Einwand 3: Isidor spricht von der Erkenntnis der Zukunft, die weder Engel noch Dämonen noch getrennte Seelen kennen, außer insofern zukünftige Dinge in ihren Ursachen präexistieren oder durch göttliche Offenbarung bekannt sind. Wir handeln hier aber von der Erkenntnis der natürlichen Dinge.
Antwort auf Einwand 4: Die hier durch Studium erworbene Erkenntnis ist eigentlich und vollkommen; die Erkenntnis, von der wir sprechen, ist verworren. Daher folgt nicht, dass es nutzlos ist, zu studieren, um zu lernen.