I, q. 89 a. 2
Ob die getrennte Seele getrennte Substanzen versteht?
Quaestio 89 · Von der Erkenntnis der getrennten Seele
Einwand 1: Es scheint, dass die getrennte Seele getrennte Substanzen nicht versteht. Denn die Seele ist vollkommener, wenn sie mit dem Körper verbunden ist, als wenn sie getrennt von ihm existiert, da sie ein wesentlicher Teil der menschlichen Natur ist; und jeder Teil eines Ganzen ist vollkommener, wenn er in diesem Ganzen existiert. Aber die Seele im Körper versteht getrennte Substanzen nicht, wie oben gezeigt wurde (Quaestio [88], Artikel [1]). Daher ist sie noch viel weniger dazu fähig, wenn sie vom Körper getrennt ist.
Einwand 2: Ferner wird alles, was erkannt wird, entweder durch seine Anwesenheit oder durch seine Spezies erkannt. Aber getrennte Substanzen können der Seele nicht durch ihre Anwesenheit bekannt sein, denn Gott allein kann in die Seele eintreten; noch mittels einer Spezies, die von der Seele von einem Engel abstrahiert wurde, denn ein Engel ist einfacher als eine Seele. Daher kann die getrennte Seele getrennte Substanzen überhaupt nicht verstehen.
Einwand 3: Ferner sagten einige Philosophen, dass die letzte Glückseligkeit des Menschen in der Erkenntnis der getrennten Substanzen besteht. Wenn daher die getrennte Seele getrennte Substanzen verstehen kann, wäre ihre Glückseligkeit allein durch ihre Trennung gesichert; was vernünftigerweise nicht gesagt werden kann.
Dagegen spricht: Seelen, die vom Körper getrennt sind, kennen andere getrennte Seelen; wie wir im Fall des reichen Mannes in der Hölle sehen, der Lazarus und Abraham sah (Lk 16,23). Daher sehen getrennte Seelen die Teufel und die Engel.
Ich antworte darauf: Augustinus sagt (De Trin. ix, 3): „Unser Geist erlangt die Kenntnis unkörperlicher Dinge durch sich selbst“ – d.h. indem er sich selbst erkennt (Quaestio [88], Artikel [1], ad 1). Daher können wir aus der Erkenntnis, welche die getrennte Seele von sich selbst hat, beurteilen, wie sie andere getrennte Dinge erkennt. Nun wurde oben gesagt (Artikel [1]), dass die Seele, solange sie mit dem Körper vereint ist, durch die Hinwendung zu Phantasmen versteht, und daher versteht sie sich selbst nicht, außer dadurch, dass sie mittels von Phantasmen abstrahierter Ideen aktuell intelligent wird; denn so versteht sie sich selbst durch ihren eigenen Akt, wie oben gezeigt wurde (Quaestio [87], Artikel [1]). Wenn sie jedoch vom Körper getrennt ist, versteht sie nicht mehr durch die Hinwendung zu Phantasmen, sondern durch die Hinwendung zu rein intelligiblen Objekten; daher versteht sie sich in jenem Zustand durch sich selbst. Nun versteht jede getrennte Substanz „das, was über ihr ist, und das, was unter ihr ist, gemäß der Weise ihrer Substanz“ (De Causis viii): denn ein Ding wird verstanden, insofern es in demjenigen ist, der versteht; während ein Ding in einem anderen ist gemäß der Natur dessen, worin es ist. Und die Seinsweise einer getrennten Seele ist geringer als die eines Engels, aber dieselbe wie die anderer getrennter Seelen. Daher hat die vom Körper getrennte Seele eine vollkommene Erkenntnis anderer getrennter Seelen, aber sie hat eine unvollkommene und mangelhafte Erkenntnis der Engel, soweit es ihre natürliche Erkenntnis betrifft. Die Erkenntnis der Herrlichkeit ist jedoch eine andere.
Antwort auf Einwand 1: Die getrennte Seele ist in der Tat weniger vollkommen, wenn man ihre Natur betrachtet, in der sie mit der Natur des Körpers kommuniziert: aber sie hat eine größere Freiheit der Intelligenz, da die Last und Sorge des Körpers ein Hemmnis für die Klarheit ihrer Intelligenz im gegenwärtigen Leben ist.
Antwort auf Einwand 2: Die getrennte Seele versteht die Engel mittels göttlich eingeprägter Ideen; diese vermögen jedoch keine vollkommene Erkenntnis von ihnen zu geben, insofern die Natur der Seele geringer ist als die eines Engels.
Antwort auf Einwand 3: Die letzte Glückseligkeit des Menschen besteht nicht in der Erkenntnis irgendwelcher getrennter Substanzen, sondern in der Erkenntnis Gottes, der nur durch die Gnade geschaut wird. Die Erkenntnis anderer getrennter Substanzen gewährt, wenn sie vollkommen verstanden werden, große Glückseligkeit – aber nicht die endgültige und letzte Glückseligkeit. Aber die getrennte Seele versteht sie nicht vollkommen, wie oben in diesem Artikel gezeigt wurde.