I, q. 77 a. 7
Ob ein Seelenvermögen aus dem anderen entspringt?
Quaestio 77 · Von dem, was zu den Seelenvermögen im Allgemeinen gehört.
Einwand 1: Es scheint, dass ein Seelenvermögen nicht aus dem anderen entspringt. Denn wenn mehrere Dinge zusammen entstehen, entsteht eines von ihnen nicht aus dem anderen. Aber alle Seelenvermögen werden zur gleichen Zeit mit der Seele erschaffen. Also entsteht eines von ihnen nicht aus dem anderen.
Einwand 2: Ferner entsteht das Seelenvermögen aus der Seele wie ein Akzidens aus dem Subjekt. Aber ein Seelenvermögen kann nicht das Subjekt eines anderen sein; weil nichts das Akzidens eines Akzidens ist. Also entsteht ein Vermögen nicht aus dem anderen.
Einwand 3: Ferner entsteht ein Gegensatz nicht aus dem anderen Gegensatz; sondern alles entsteht aus dem, was ihm in der Spezies gleich ist. Nun sind die Seelenvermögen gegensätzlich geteilt, als verschiedene Spezies. Also geht eines von ihnen nicht aus dem anderen hervor.
Dagegen spricht, Vermögen werden durch ihre Handlungen erkannt. Aber die Handlung eines Vermögens wird durch die Handlung eines anderen Vermögens verursacht, wie die Handlung der Einbildungskraft durch die Handlung der Sinne. Also wird ein Seelenvermögen durch ein anderes verursacht.
Ich antworte darauf, In jenen Dingen, die gemäß einer natürlichen Ordnung aus einem hervorgehen, ist, so wie das Erste die Ursache von allem ist, so das, was dem Ersten näher ist, in gewisser Weise die Ursache jener, die entfernter sind. Nun wurde oben gezeigt (Artikel [4]), dass unter den Seelenvermögen mehrere Arten von Ordnung bestehen. Daher geht ein Seelenvermögen aus dem Wesen der Seele durch das Medium eines anderen hervor. Da aber das Wesen der Seele mit den Vermögen sowohl als aktives und finales Prinzip verglichen wird, als auch als empfängliches Prinzip, entweder separat für sich oder zusammen mit dem Körper; und da das Agens und das Ziel vollkommener sind, während das empfängliche Prinzip als solches weniger vollkommen ist; folgt daraus, dass jene Seelenvermögen, die den anderen in der Ordnung der Vollkommenheit und Natur vorausgehen, die Prinzipien der anderen sind, nach der Art des Ziels und des aktiven Prinzips. Denn wir sehen, dass die Sinne um der Intelligenz willen sind und nicht umgekehrt. Die Sinne sind überdies eine gewisse unvollkommene Teilhabe an der Intelligenz; weshalb sie gemäß ihrem natürlichen Ursprung aus der Intelligenz hervorgehen wie das Unvollkommene aus dem Vollkommenen. Aber als empfängliche Prinzipien betrachtet, sind die vollkommeneren Vermögen Prinzipien in Bezug auf die anderen; so wird die Seele, insofern sie das sinnliche Vermögen hat, als das Subjekt betrachtet und als etwas Materielles in Bezug auf die Intelligenz. Aus diesem Grund gehen die unvollkommeneren Vermögen den anderen in der Ordnung der Zeugung voraus, denn das Tier wird vor dem Menschen gezeugt.
Antwort auf Einwand 1: Wie das Seelenvermögen aus dem Wesen fließt, nicht durch eine Transmutation, sondern durch ein gewisses natürliches Resultieren, und gleichzeitig mit der Seele ist, so verhält es sich mit einem Vermögen in Bezug auf ein anderes.
Antwort auf Einwand 2: Ein Akzidens kann nicht aus sich selbst das Subjekt eines Akzidens sein; aber ein Akzidens wird vor einem anderen in die Substanz aufgenommen, wie Quantität vor Qualität. In diesem Sinne wird ein Akzidens das Subjekt eines anderen genannt; wie die Oberfläche das der Farbe ist, insofern die Substanz ein Akzidens durch das Mittel eines anderen empfängt. Dasselbe kann von den Seelenvermögen gesagt werden.
Antwort auf Einwand 3: Die Seelenvermögen sind einander entgegengesetzt wie Vollkommenes und Unvollkommenes; wie auch die Spezies von Zahlen und Figuren. Aber dieser Gegensatz verhindert nicht den Ursprung des einen aus dem anderen, weil unvollkommene Dinge natürlich aus vollkommenen Dingen hervorgehen.