I, q. 77 a. 5
Ob alle Seelenvermögen in der Seele als in ihrem Subjekt sind?
Quaestio 77 · Von dem, was zu den Seelenvermögen im Allgemeinen gehört.
Einwand 1: Es scheint, dass alle Seelenvermögen in der Seele als in ihrem Subjekt sind. Denn wie sich die Kräfte des Körpers zum Körper verhalten, so verhalten sich die Kräfte der Seele zur Seele. Aber der Körper ist das Subjekt der körperlichen Kräfte. Also ist die Seele das Subjekt der Seelenvermögen.
Einwand 2: Ferner werden die Tätigkeiten der Seelenvermögen dem Körper aufgrund der Seele zugeschrieben; weil, wie der Philosoph sagt (De Anima ii, 2), „die Seele das ist, wodurch wir primär empfinden und erkennen“. Aber die natürlichen Prinzipien der Tätigkeiten der Seele sind die Vermögen. Also sind die Vermögen primär in der Seele.
Einwand 3: Ferner sagt Augustinus (Gen. ad lit. xii, 7,24), dass die Seele gewisse Dinge empfindet, nicht durch den Körper, ja sogar ohne den Körper, wie Furcht und dergleichen; und einige Dinge durch den Körper. Wenn aber die sinnlichen Vermögen nicht in der Seele allein als ihrem Subjekt wären, könnte die Seele nichts ohne den Körper empfinden. Also ist die Seele das Subjekt der sinnlichen Vermögen; und aus einem ähnlichen Grund aller anderen Vermögen.
Dagegen spricht, dass der Philosoph sagt (De Somno et Vigilia i), dass „die Empfindung weder der Seele noch dem Körper zukommt, sondern dem Zusammengesetzten“. Also ist das sinnliche Vermögen im „Zusammengesetzten“ als seinem Subjekt. Also ist die Seele allein nicht das Subjekt aller Vermögen.
Ich antworte darauf, Das Subjekt einer operativen Kraft ist das, was fähig ist, tätig zu sein, denn jedes Akzidens benennt sein eigenes Subjekt. Nun ist dasselbe das, was fähig ist, tätig zu sein, und das, was tätig ist. Weshalb das „Subjekt der Kraft“ notwendigerweise das „Subjekt der Tätigkeit“ ist, wie wiederum der Philosoph am Anfang von De Somno et Vigilia sagt. Nun ist aus dem, was wir oben gesagt haben (Quaestio [75], Artikel [2],3; Quaestio [76], Artikel [1], ad 1), klar, dass einige Tätigkeiten der Seele ohne ein körperliches Organ vollzogen werden, wie das Erkennen und Wollen. Daher sind die Vermögen dieser Tätigkeiten in der Seele als ihrem Subjekt. Aber einige Tätigkeiten der Seele werden mittels körperlicher Organe vollzogen; wie das Sehen durch das Auge und das Hören durch das Ohr. Und so ist es mit allen anderen Tätigkeiten der vegetativen und sinnlichen Teile. Daher haben die Vermögen, welche die Prinzipien dieser Tätigkeiten sind, ihr Subjekt im Zusammengesetzten und nicht in der Seele allein.
Antwort auf Einwand 1: Alle Vermögen werden der Seele zugeschrieben, nicht als ihrem Subjekt, sondern als ihrem Prinzip; weil das Zusammengesetzte durch die Seele die Kraft hat, solche Tätigkeiten zu vollziehen.
Antwort auf Einwand 2: Alle solche Vermögen sind primär in der Seele, verglichen mit dem Zusammengesetzten; nicht wie in ihrem Subjekt, sondern wie in ihrem Prinzip.
Antwort auf Einwand 3: Platons Meinung war, dass die Empfindung eine der Seele eigentümliche Tätigkeit sei, so wie das Erkennen. Nun macht Augustinus in vielen Dingen, die sich auf die Philosophie beziehen, Gebrauch von den Meinungen Platons, indem er sie nicht als wahr behauptet, sondern sie referiert. Soweit es jedoch die vorliegende Frage betrifft, wenn gesagt wird, dass die Seele einige Dinge mit dem Körper empfindet und einige ohne den Körper, so kann dies auf zweifache Weise verstanden werden. Erstens können die Worte „mit dem Körper oder ohne den Körper“ den Akt des Sinnes in seiner Art des Hervorgehens vom Empfindenden bestimmen. So empfindet die Seele nichts ohne den Körper, weil die Handlung der Empfindung nicht von der Seele ausgehen kann außer durch ein körperliches Organ. Zweitens können sie verstanden werden als Bestimmung des Aktes des Sinnes seitens des empfundenen Objekts. So empfindet die Seele einige Dinge mit dem Körper, das heißt Dinge, die im Körper existieren, wie wenn sie eine Wunde oder etwas dergleichen fühlt; während sie einige Dinge ohne den Körper empfindet, das heißt, die nicht im Körper existieren, sondern nur in der Auffassung der Seele, wie wenn sie traurig oder freudig ist, wenn sie etwas hört.