I, q. 77 a. 2
Ob es mehrere Vermögen in der Seele gibt?
Quaestio 77 · Von dem, was zu den Seelenvermögen im Allgemeinen gehört.
Einwand 1: Es scheint, dass es nicht mehrere Vermögen in der Seele gibt. Denn die intellektuelle Seele kommt der Ähnlichkeit Gottes am nächsten. In Gott aber ist eine einzige einfache Kraft: und daher auch in der intellektuelle Seele.
Einwand 2: Ferner, je höher eine Kraft ist, desto einheitlicher ist sie. Aber die intellektuelle Seele übertrifft alle anderen Formen an Kraft. Daher hat sie vor allen anderen eine einzige Tugend oder Kraft.
Einwand 3: Ferner kommt das Tätigsein dem zu, was im Akt ist. Aber durch das eine Wesen der Seele hat der Mensch aktuelles Sein in den verschiedenen Graden der Vollkommenheit, wie wir oben gesehen haben (Quaestio [76], Artikel [3],4). Daher vollzieht er durch die eine Kraft der Seele Tätigkeiten verschiedener Grade.
Dagegen spricht, dass der Philosoph mehrere Vermögen in der Seele ansetzt (De Anima ii, 2,3).
Ich antworte darauf, Notwendigerweise müssen wir mehrere Vermögen in der Seele ansetzen. Um dies deutlich zu machen, beobachten wir, dass, wie der Philosoph sagt (De Coelo ii, 12), die unterste Ordnung der Dinge keine vollkommene Güte erlangen kann, sondern sie erlangen eine gewisse unvollkommene Güte durch wenige Bewegungen; und jene, die zu einer höheren Ordnung gehören, erlangen vollkommene Güte durch viele Bewegungen; und jene noch höher erlangen vollkommene Güte durch wenige Bewegungen; und die höchste Vollkommenheit findet sich in jenen Dingen, die vollkommene Güte ohne irgendeine Bewegung erlangen. So ist derjenige am wenigsten gesundheitlich disponiert, der nur eine unvollkommene Gesundheit mittels weniger Heilmittel erlangen kann; besser disponiert ist derjenige, der vollkommene Gesundheit mittels vieler Heilmittel erlangen kann; und noch besser derjenige, der dies durch wenige Heilmittel kann; am besten von allen ist derjenige, der vollkommene Gesundheit ohne irgendwelche Heilmittel hat. Wir schließen daher, dass Dinge, die unter dem Menschen stehen, eine gewisse begrenzte Güte erlangen; und so haben sie wenige bestimmte Tätigkeiten und Kräfte. Der Mensch aber kann universelle und vollkommene Güte erlangen, weil er die Glückseligkeit erlangen kann. Doch ist er gemäß seiner Natur im letzten Grad derer, denen Glückseligkeit möglich ist; daher benötigt die menschliche Seele viele und verschiedene Tätigkeiten und Kräfte. Den Engeln aber genügt eine geringere Vielfalt an Kräften. In Gott gibt es keine Kraft oder Handlung jenseits seines eigenen Wesens.
Es gibt noch einen weiteren Grund, warum die menschliche Seele reich an einer Vielfalt von Kräften ist – weil sie an der Grenze von geistigen und körperlichen Geschöpfen steht; und daher treffen die Kräfte beider in der Seele zusammen.
Antwort auf Einwand 1: Die intellektuelle Seele nähert sich der göttlichen Ähnlichkeit mehr als die niederen Geschöpfe darin an, dass sie fähig ist, vollkommene Güte zu erlangen; wenngleich durch viele und verschiedene Mittel; und darin bleibt sie hinter den vollkommeneren Geschöpfen zurück.
Antwort auf Einwand 2: Eine vereinheitlichte Kraft ist überlegen, wenn sie sich auf gleiche Dinge erstreckt: aber eine vielgestaltige Kraft ist ihr überlegen, wenn sie über viele Dinge ist.
Antwort auf Einwand 3: Ein Ding hat ein substantielles Sein, kann aber mehrere Tätigkeiten haben. So gibt es ein Wesen der Seele mit mehreren Kräften.