I, q. 77 a. 6
Ob die Seelenvermögen aus ihrem Wesen entspringen?
Quaestio 77 · Von dem, was zu den Seelenvermögen im Allgemeinen gehört.
Einwand 1: Es scheint, dass die Seelenvermögen nicht aus ihrem Wesen entspringen. Denn verschiedene Dinge gehen nicht von einem einfachen Ding aus. Aber das Wesen der Seele ist eins und einfach. Da also die Seelenvermögen viele und verschieden sind, können sie nicht aus ihrem Wesen hervorgehen.
Einwand 2: Ferner ist das, woraus ein Ding hervorgeht, seine Ursache. Aber das Wesen der Seele kann nicht die Ursache der Vermögen genannt werden; wie klar ist, wenn man die verschiedenen Arten von Ursachen betrachtet. Also entspringen die Seelenvermögen nicht aus ihrem Wesen.
Einwand 3: Ferner beinhaltet das Ausfließen (Emanation) eine Art von Bewegung. Aber nichts wird von sich selbst bewegt, wie der Philosoph beweist (Phys. vii, 1,2); außer vielleicht aufgrund eines Teils von sich selbst, wie ein Tier gesagt wird, von sich selbst bewegt zu werden, weil ein Teil davon bewegt und ein anderer bewegt wird. Weder wird die Seele bewegt, wie der Philosoph beweist (De Anima i, 4). Also bringt die Seele ihre Vermögen nicht in sich selbst hervor.
Dagegen spricht, Die Seelenvermögen sind ihre natürlichen Eigenschaften. Aber das Subjekt ist die Ursache seiner eigenen Akzidenzien; weshalb es auch in die Definition des Akzidens eingeschlossen wird, wie aus Metaph. vii (Did. vi, 4) klar ist. Also gehen die Seelenvermögen aus ihrem Wesen als ihrer Ursache hervor.
Ich antworte darauf, Die substantielle und die akzidentelle Form stimmen teilweise überein und unterscheiden sich teilweise. Sie stimmen darin überein, dass jede ein Akt ist; und dass durch jede von ihnen etwas in gewisser Weise aktuell ist. Sie unterscheiden sich jedoch in zwei Hinsichten. Erstens, weil die substantielle Form ein Ding schlechthin existieren macht und ihr Subjekt etwas rein Potenzielles ist. Aber die akzidentelle Form macht ein Ding nicht schlechthin existieren, sondern so beschaffen, oder so groß, oder in irgendeinem besonderen Zustand sein; denn ihr Subjekt ist ein aktuelles Seiendes. Daher ist klar, dass Aktualität in der substantiellen Form beobachtet wird, bevor sie im Subjekt beobachtet wird: und da das, was das Erste in einer Gattung ist, die Ursache in dieser Gattung ist, verursacht die substantielle Form das Sein in ihrem Subjekt. Andererseits wird Aktualität im Subjekt der akzidentellen Form beobachtet, bevor sie in der akzidentellen Form beobachtet wird; weshalb die Aktualität der akzidentellen Form durch die Aktualität des Subjekts verursacht wird. So ist das Subjekt, insofern es in Potenz ist, empfänglich für die akzidentelle Form: aber insofern es im Akt ist, bringt es sie hervor. Dies sage ich vom eigentümlichen und „per se“ Akzidens; denn in Bezug auf das fremde Akzidens ist das Subjekt nur empfänglich, wobei das Akzidens durch ein äußeres Agens verursacht wird. Zweitens unterscheiden sich substantielle und akzidentelle Formen, weil, da das, was weniger prinzipiell ist, um deswillen existiert, was prinzipieller ist, die Materie daher wegen der substantiellen Form existiert; während im Gegenteil die akzidentelle Form wegen der Vollständigkeit des Subjekts existiert.
Nun ist aus dem Gesagten (Artikel [5]) klar, dass entweder das Subjekt der Seelenvermögen die Seele selbst allein ist, die Subjekt eines Akzidens sein kann, insofern sie etwas von Potenzialität hat, wie wir oben gesagt haben (Artikel [1], ad 6); oder aber dieses Subjekt ist das Zusammengesetzte. Nun ist das Zusammengesetzte aktuell durch die Seele. Woraus klar ist, dass alle Seelenvermögen, ob ihr Subjekt nun die Seele allein oder das Zusammengesetzte ist, aus dem Wesen der Seele wie aus ihrem Prinzip entspringen; weil bereits gesagt wurde, dass das Akzidens durch das Subjekt verursacht wird, insofern es aktuell ist, und in es aufgenommen wird, insofern es in Potenz ist.
Antwort auf Einwand 1: Aus einem einfachen Ding können viele Dinge auf natürliche Weise hervorgehen, in einer gewissen Ordnung; oder wiederum, wenn es eine Verschiedenheit der Empfänger gibt. So gehen aus dem einen Wesen der Seele viele und verschiedene Vermögen hervor; sowohl weil eine Ordnung unter diesen Vermögen existiert; als auch aufgrund der Verschiedenheit der körperlichen Organe.
Antwort auf Einwand 2: Das Subjekt ist sowohl die Zielursache als auch in gewisser Weise die Wirkursache seines eigenen Akzidens. Es ist auch gleichsam die Materialursache, insofern es für das Akzidens empfänglich ist. Daraus können wir entnehmen, dass das Wesen der Seele die Ursache aller ihrer Vermögen ist, als ihr Ziel und als ihr aktives Prinzip; und von einigen als empfänglich für diese.
Antwort auf Einwand 3: Das Hervorgehen der eigenen Akzidenzien aus ihrem Subjekt geschieht nicht durch Transmutation, sondern durch ein gewisses natürliches Resultieren; so wie ein Ding natürlich aus einem anderen resultiert, wie Farbe aus Licht.