I, q. 76 a. 6
Ob die intellektive Seele durch Vermittlung akzidenteller Dispositionen mit dem Körper vereint ist?
Quaestio 76 · Von der Verbindung von Leib und Seele
Einwand 1: Es scheint, dass die intellektive Seele durch Vermittlung akzidenteller Dispositionen mit dem Körper vereint ist. Denn jede Form existiert in ihrer eigentlich disponierten Materie. Aber Dispositionen zu einer Form sind Akzidenzien. Daher müssen wir voraussetzen, dass Akzidenzien in der Materie vor der substantiellen Form sind; und daher vor der Seele, da die Seele eine substantielle Form ist.
Einwand 2: Ferner erfordern verschiedene Formen einer Spezies verschiedene Teile der Materie. Aber verschiedene Teile der Materie sind ohne Teilung in messbaren Quantitäten unverständlich. Daher müssen wir Dimensionen in der Materie vor den substantiellen Formen annehmen, die viele sind und zu einer Spezies gehören.
Einwand 3: Ferner ist das Geistige mit dem Körperlichen durch virtuellen Kontakt verbunden. Aber die Tugend der Seele ist ihre Kraft. Daher scheint es, dass die Seele mittels einer Kraft, die ein Akzidens ist, mit dem Körper vereint ist.
Dagegen spricht, dass das Akzidens der Substanz nachgeordnet ist, sowohl in der Ordnung der Zeit als auch in der Ordnung der Vernunft, wie der Philosoph sagt, Metaph. vii (Did. vi, 1). Daher ist es unverständlich, dass irgendeine akzidentelle Form in der Materie vor der Seele existiert, die die substantielle Form ist.
Ich antworte darauf, dass, wenn die Seele mit dem Körper bloß als ein Beweger vereint wäre, nichts die Existenz gewisser Dispositionen verhindern würde, die zwischen der Seele und dem Körper vermitteln; im Gegenteil, sie wären notwendig, denn auf Seiten der Seele wäre die Kraft erforderlich, den Körper zu bewegen; und auf Seiten des Körpers eine gewisse Eignung, von der Seele bewegt zu werden.
Wenn jedoch die intellektive Seele mit dem Körper als die substantielle Form vereint ist, wie wir bereits oben gesagt haben (Artikel [1]), ist es unmöglich, dass irgendeine akzidentelle Disposition zwischen den Körper und die Seele oder zwischen irgendeine substantielle Form und ihre Materie tritt. Der Grund ist, weil, da Materie in Potenz zu aller Art von Akten in einer gewissen Ordnung ist, das, was absolut das Erste unter den Akten ist, als das Erste in der Materie verstanden werden muss. Nun ist das Erste unter allen Akten das Sein. Daher ist es unmöglich, dass Materie als heiß oder als Quantität habend aufgefasst wird, bevor sie aktuell ist. Aber Materie hat aktuelles Sein durch die substantielle Form, die sie dazu macht, schlechthin zu existieren, wie wir oben gesagt haben (Artikel [4]). Weshalb es unmöglich ist, dass irgendwelche akzidentellen Dispositionen in der Materie vor der substantiellen Form und folglich vor der Seele präexistieren.
Antwort auf Einwand 1: Wie aus dem bereits Gesagten hervorgeht (Artikel [4]), enthält die vollkommenere Form virtuell alles, was zu den niederen Formen gehört; daher vervollkommnet sie, während sie ein und dieselbe bleibt, die Materie gemäß den verschiedenen Graden der Vollkommenheit. Denn dieselbe wesentliche Form macht den Menschen zu einem aktuellen Seienden, einem Körper, einem Lebewesen, einem Tier und einem Menschen. Nun ist es klar, dass jeder „Gattung“ ihre eigenen eigentlichen Akzidenzien folgen. Daher, wie Materie als vervollkommnet in ihrem Sein aufgefasst wird, bevor sie als körperlich verstanden wird, und so weiter; so werden jene Akzidenzien, die zum Sein gehören, als existierend verstanden vor der Körperlichkeit; und so werden Dispositionen in der Materie vor der Form verstanden, nicht in Bezug auf alle ihre Wirkungen, sondern in Bezug auf die nachfolgende Wirkung.
Antwort auf Einwand 2: Dimensionen der Quantität sind Akzidenzien, die der Körperlichkeit folgen, welche zur ganzen Materie gehört. Weshalb Materie, sobald sie als körperlich und messbar verstanden wird, als unterschieden in ihren verschiedenen Teilen verstanden werden kann und als empfänglich für verschiedene Formen gemäß den weiteren Graden der Vollkommenheit. Denn obwohl es wesenhaft dieselbe Form ist, die der Materie die verschiedenen Grade der Vollkommenheit gibt, wie wir gesagt haben (ad 1), wird sie doch als verschieden betrachtet, wenn sie unter die Beobachtung der Vernunft gebracht wird.
Antwort auf Einwand 3: Eine geistige Substanz, die mit einem Körper nur als dessen Beweger vereint ist, ist mit ihm durch Kraft oder Tugend vereint. Aber die intellektive Seele ist durch ihr bloßes Sein mit dem Körper als eine Form vereint; und doch leitet und bewegt sie den Körper durch ihre Kraft und Tugend.