I, q. 45 a. 4
: Ob das Geschaffensein zusammengesetzten und subsistierenden Dingen zukommt?
Quaestio 45 · Die Art des Hervorgangs der Dinge vom ersten Prinzip
Einwand 1: Es scheint, dass das Geschaffensein nicht zusammengesetzten und subsistierenden Dingen zukommt. Denn im Buch De Causis (prop. iv) heißt es: „Das Erste der Geschöpfe ist das Sein.“ Aber das Sein eines geschaffenen Dinges ist nicht subsistierend. Daher kommt die Schöpfung eigentlich gesprochen nicht subsistierenden und zusammengesetzten Dingen zu.
Einwand 2: Ferner ist alles, was erschaffen wird, aus nichts. Aber zusammengesetzte Dinge sind nicht aus nichts, sondern sind das Ergebnis ihrer eigenen Bestandteile. Daher werden zusammengesetzte Dinge nicht erschaffen.
Einwand 3: Ferner wird das, was im zweiten Hervorgang vorausgesetzt wird, eigentlich durch den ersten hervorgebracht: wie die natürliche Zeugung das natürliche Ding hervorbringt, welches in der Tätigkeit der Kunst vorausgesetzt wird. Aber das in der natürlichen Zeugung Vorausgesetzte ist die Materie. Daher ist die Materie, und nicht das Zusammengesetzte, eigentlich gesprochen das, was erschaffen wird.
Dagegen spricht, dass es heißt (Gen 1,1): „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde.“ Aber Himmel und Erde sind subsistierende zusammengesetzte Dinge. Daher kommt die Schöpfung ihnen zu.
Ich antworte darauf, dass Geschaffensein in gewisser Weise Gemachtsein bedeutet, wie oben gezeigt wurde (Quaestio [44], Artikel [2], ad 2, 3). Nun ist das Gemachtsein auf das Sein eines Dinges gerichtet. Daher kommen Gemachtsein und Geschaffensein eigentlich allem zu, dem das Sein zukommt; welches in der Tat eigentlich subsistierenden Dingen zukommt, seien es einfache Dinge, wie im Falle der getrennten Substanzen, oder zusammengesetzte, wie im Falle der materiellen Substanzen. Denn das Sein kommt dem zu, was Sein hat – das heißt, dem, was in seinem eigenen Sein subsistiert. Aber Formen und Akzidentien und dergleichen werden Seiendes genannt, nicht als ob sie selbst wären, sondern weil etwas durch sie ist; wie Weiße ein Seiendes genannt wird, insofern ihr Subjekt durch sie weiß ist. Daher wird nach dem Philosophen (Metaph. vii, text 2) vom Akzidens eher gesagt, es sei „von einem Seienden“ als „ein Seiendes“. Wie daher von Akzidentien und Formen und ähnlichen nicht-subsistierenden Dingen eher gesagt werden muss, dass sie koexistieren als dass sie existieren, so sollten sie eher „mitgeschaffene“ als „geschaffene“ Dinge genannt werden; wohingegen eigentlich gesprochen geschaffene Dinge subsistierende Wesen sind.
Antwort auf Einwand 1: In dem Satz „das Erste der geschaffenen Dinge ist das Sein“ bezieht sich das Wort „Sein“ nicht auf das Subjekt der Schöpfung, sondern auf den eigentlichen Begriff des Objekts der Schöpfung. Denn ein geschaffenes Ding wird geschaffen genannt, weil es ein Seiendes ist, nicht weil es „dieses“ Seiende ist, da die Schöpfung der Hervorgang allen Seins vom universalen Sein ist, wie oben gesagt wurde (Artikel [1]). Wir gebrauchen eine ähnliche Redeweise, wenn wir sagen, dass „das erste sichtbare Ding die Farbe ist“, obwohl streng genommen das gefärbte Ding das ist, was gesehen wird.
Antwort auf Einwand 2: Schöpfung bedeutet nicht den Aufbau eines zusammengesetzten Dinges aus präexistierenden Prinzipien; sondern sie bedeutet, dass das „Zusammengesetzte“ so erschaffen wird, dass es zur gleichen Zeit mit all seinen Prinzipien ins Sein gebracht wird.
Antwort auf Einwand 3: Dieser Grund beweist nicht, dass die Materie allein erschaffen wird, sondern dass die Materie nicht existiert außer durch Schöpfung; denn Schöpfung ist die Hervorbringung des ganzen Seins und nicht nur der Materie.