I, q. 45 a. 1
: Ob Erschaffen bedeutet, etwas aus nichts zu machen?
Quaestio 45 · Die Art des Hervorgangs der Dinge vom ersten Prinzip
Einwand 1: Es scheint, dass Erschaffen nicht bedeutet, etwas aus nichts zu machen. Denn Augustinus sagt (Contra Adv. Leg. et Proph. i): „Machen bezieht sich auf das, was überhaupt nicht existierte; Erschaffen aber bedeutet, etwas zu machen, indem man etwas aus dem hervorringt, was bereits war.“
Einwand 2: Ferner wird der Adel des Handelns und der Bewegung von ihren Endpunkten her betrachtet. Das Handeln ist daher edler, wenn es von Gutem zu Gutem und von Seiendem zu Seiendem fortschreitet, als von nichts zu etwas. Die Schöpfung scheint aber die edelste Handlung zu sein und die erste unter allen Handlungen. Daher verläuft sie nicht von nichts zu etwas, sondern vielmehr von Seiendem zu Seiendem.
Einwand 3: Ferner impliziert die Präposition „aus“ [ex] die Beziehung einer Ursache, und besonders der Materialursache; wie wenn wir sagen, dass eine Statue aus Erz gemacht ist. Aber das „Nichts“ kann nicht die Materie des Seienden sein, noch in irgendeiner Weise dessen Ursache. Daher bedeutet Erschaffen nicht, etwas aus nichts zu machen.
Dagegen spricht, dass es zum Text von Gen 1, „Im Anfang schuf Gott“ usw., in der Glosse heißt: „Erschaffen heißt, etwas aus nichts machen.“
Ich antworte darauf, dass wir, wie oben gesagt (Quaestio [44], Artikel [2]), nicht nur den Hervorgang eines bestimmten Seienden von einem bestimmten Wirkenden betrachten müssen, sondern auch den Hervorgang des ganzen Seins von der universalen Ursache, welche Gott ist; und diesen Hervorgang bezeichnen wir mit dem Namen Schöpfung. Was nun durch besonderen Hervorgang hervorgeht, wird bei diesem Hervorgang nicht vorausgesetzt; wie wenn ein Mensch gezeugt wird, war er vorher nicht, aber der Mensch wird aus dem „Nicht-Mensch“ gemacht und das Weiße aus dem „Nicht-Weißen“. Wenn daher der Hervorgang des ganzen universalen Seins vom ersten Prinzip betrachtet wird, ist es unmöglich, dass irgendein Seiendes vor diesem Hervorgang vorausgesetzt wird. Denn nichts ist dasselbe wie kein Seiendes. Wie daher die Zeugung eines Menschen aus dem „Nicht-Seienden“ erfolgt, welches das „Nicht-Mensch“ ist, so erfolgt die Schöpfung, welche der Hervorgang des ganzen Seins ist, aus dem „Nicht-Seienden“, welches das „Nichts“ ist.
Antwort auf Einwand 1: Augustinus gebraucht das Wort Schöpfung in einem equivoken Sinne, insofern „geschaffen werden“ eine Verbesserung in den Dingen bezeichnet; wie wenn wir sagen, dass ein Bischof kreiert [geschaffen] wird. Wir sprechen hier jedoch nicht auf diese Weise von der Schöpfung, sondern so, wie sie oben beschrieben wurde.
Antwort auf Einwand 2: Veränderungen erhalten ihre Spezies und Würde nicht vom Ausgangspunkt [terminus a quo], sondern vom Endpunkt [terminus ad quem]. Daher ist eine Veränderung vollkommener und vorzüglicher, wenn der Endpunkt der Veränderung edler und vorzüglicher ist, auch wenn der Ausgangspunkt, der dem Endpunkt entspricht, unvollkommener sein mag: So ist die Zeugung schlechthin edler und vorzüglicher als die qualitative Veränderung, weil die substantielle Form edler ist als die akzidentelle Form; und doch ist die Beraubung der substantiellen Form, welche der Ausgangspunkt bei der Zeugung ist, unvollkommener als das Gegenteil, welches der Ausgangspunkt bei der qualitativen Veränderung ist. In ähnlicher Weise ist die Schöpfung vollkommener und vorzüglicher als Zeugung und qualitative Veränderung, weil der Endpunkt die ganze Substanz des Dinges ist; wohingegen das, was als Ausgangspunkt verstanden wird, schlechthin das Nicht-Sein ist.
Antwort auf Einwand 3: Wenn von etwas gesagt wird, es sei aus nichts gemacht, bezeichnet diese Präposition „aus“ [ex] nicht die Materialursache, sondern nur die Ordnung; wie wenn wir sagen: „Aus dem Morgen wird Mittag“ – d.h. nach dem Morgen ist Mittag. Wir müssen aber verstehen, dass diese Präposition „aus“ [ex] die Verneinung, die impliziert wird, wenn ich das Wort „nichts“ sage, umfassen oder in ihr eingeschlossen sein kann. Wenn sie im ersten Sinne genommen wird, dann bekräftigen wir die Ordnung, indem wir die Beziehung zwischen dem, was jetzt ist, und seiner vorherigen Nicht-Existenz feststellen. Wenn aber die Verneinung die Präposition einschließt, dann wird die Ordnung verneint, und der Sinn ist: „Es ist aus nichts gemacht – d.h. es ist nicht aus irgendetwas gemacht“ – als ob wir sagen würden: „Er spricht von nichts“, weil er von nichts spricht. Und dies bewahrheitet sich auf beide Weisen, wenn gesagt wird, dass etwas aus nichts gemacht wird. Aber in der ersten Weise impliziert diese Präposition „aus“ [ex] die Ordnung, wie in dieser Antwort gesagt wurde. Im zweiten Sinne impliziert sie die Materialursache, welche verneint wird.