I, q. 43 a. 6
Ob die unsichtbare Sendung an alle geschieht, die an der Gnade teilhaben?
Quaestio 43 · Die Sendung der göttlichen Personen
Einwand 1: Es scheint, dass die unsichtbare Sendung nicht an alle geschieht, die an der Gnade teilhaben. Denn die Väter des Alten Testaments hatten ihren Anteil an der Gnade. Doch an sie geschah keine unsichtbare Sendung; denn es heißt (Joh 7,39): „Der Geist war noch nicht gegeben, weil Jesus noch nicht verherrlicht war.“ Also geschieht die unsichtbare Sendung nicht an alle Teilhaber der Gnade.
Einwand 2: Ferner geschieht Fortschritt in der Tugend nur durch Gnade. Aber die unsichtbare Sendung geschieht nicht gemäß dem Fortschritt in der Tugend; denn der Fortschritt in der Tugend ist kontinuierlich, da die Liebe immer zunimmt oder abnimmt; und so wäre die Sendung kontinuierlich. Also geschieht die unsichtbare Sendung nicht an alle, die an der Gnade teilhaben.
Einwand 3: Ferner haben Christus und die Seligen die Fülle der Gnade. Aber Sendung geschieht nicht an sie, denn Sendung impliziert Distanz, wohingegen Christus als Mensch und alle Seligen vollkommen mit Gott vereint sind. Also geschieht die unsichtbare Sendung nicht an alle, die an der Gnade teilhaben.
Einwand 4: Ferner enthalten die Sakramente des Neuen Gesetzes Gnade, und es wird nicht gesagt, dass die unsichtbare Sendung an sie geschieht. Also geschieht die unsichtbare Sendung nicht an alle, die Gnade haben.
Dagegen spricht, dass gemäß Augustinus (De Trin. iii, 4; xv, 27) die unsichtbare Sendung zur Heiligung des Geschöpfes dient. Nun wird jedes Geschöpf, das Gnade hat, geheiligt. Also geschieht die unsichtbare Sendung an jedes solche Geschöpf.
Ich antworte darauf, dass, wie oben dargelegt (Artikel 3, 4, 5), Sendung in ihrer eigentlichen Bedeutung impliziert, dass derjenige, der gesandt wird, entweder dort zu sein beginnt, wo er zuvor nicht war, wie es bei Geschöpfen vorkommt; oder dort zu sein beginnt, wo er zuvor war, aber auf eine neue Weise, in welchem Sinne Sendung den göttlichen Personen zugeschrieben wird. So impliziert Sendung in Bezug auf denjenigen, zu dem sie gesandt wird, zwei Dinge: die Einwohnung der Gnade und eine gewisse Erneuerung durch Gnade. So wird die unsichtbare Sendung an alle gesandt, in denen diese zwei Bedingungen zu finden sind.
Antwort auf Einwand 1: Die unsichtbare Sendung war an die Väter des Alten Testaments gerichtet, wie aus dem hervorgeht, was Augustinus sagt (De Trin. iv, 20), dass die unsichtbare Sendung des Sohnes „im Menschen und bei den Menschen ist. Dies geschah in früheren Zeiten bei den Vätern und den Propheten.“ So sind die Worte „der Geist war noch nicht gegeben“ auf jenes Geben anzuwenden, das von einem sichtbaren Zeichen begleitet war, welches am Pfingsttag stattfand.
Antwort auf Einwand 2: Die unsichtbare Sendung findet auch in Bezug auf den Fortschritt in der Tugend oder die Zunahme der Gnade statt. Daher sagt Augustinus (De Trin. iv, 20), dass „der Sohn zu jedem gesandt wird, wenn er von jemandem erkannt und wahrgenommen wird, soweit er gemäß der Kapazität der Seele erkannt und wahrgenommen werden kann, sei es auf der Reise zu Gott oder vollkommen mit Ihm vereint.“ Eine solche unsichtbare Sendung geschieht jedoch hauptsächlich in Bezug auf jemandes Fortschritt in der Ausführung eines neuen Aktes oder in der Erlangung eines neuen Standes der Gnade; wie zum Beispiel der Fortschritt in Bezug auf die Gabe der Wunder oder der Prophetie, oder in der Inbrunst der Liebe, die einen Menschen dazu führt, sich der Gefahr des Martyriums auszusetzen oder auf seinen Besitz zu verzichten oder irgendein mühsames Werk zu unternehmen.
Antwort auf Einwand 3: Die unsichtbare Sendung ist an die Seligen im allerersten Augenblick ihrer Seligkeit gerichtet. Die unsichtbare Sendung geschieht an sie später nicht durch „Intensität“ der Gnade, sondern durch die weitere Offenbarung von Geheimnissen; was bis zum Tag des Gerichts andauert. Eine solche Zunahme geschieht durch die „Ausdehnung“ der Gnade, weil sie sich auf eine größere Anzahl von Objekten erstreckt. An Christus wurde die unsichtbare Sendung im ersten Augenblick seiner Empfängnis gesandt; aber nicht danach, da er vom Beginn seiner Empfängnis an mit aller Weisheit und Gnade erfüllt war.
Antwort auf Einwand 4: Die Gnade wohnt instrumentell in den Sakramenten des Neuen Gesetzes, wie die Form eines entworfenen Dinges in den Instrumenten der entwerfenden Kunst wohnt, gemäß einem Prozess, der vom Agens zum passiven Objekt fließt. Aber von Sendung wird nur gesprochen, wenn sie auf ihr Ziel (Terminus) gerichtet ist. Daher wird die Sendung der göttlichen Person nicht an die Sakramente gesandt, sondern an jene, die Gnade durch die Sakramente empfangen.