I, q. 43 a. 5
Ob es dem Sohn zukommt, unsichtbar gesandt zu werden?
Quaestio 43 · Die Sendung der göttlichen Personen
Einwand 1: Es scheint, dass es dem Sohn nicht zukommt, unsichtbar gesandt zu werden. Denn die unsichtbare Sendung der göttlichen Person geschieht gemäß der Gabe der Gnade. Aber alle Gaben der Gnade gehören zum Heiligen Geist, gemäß 1 Kor 12,11: „Dies alles wirkt ein und derselbe Geist.“ Also wird nur der Heilige Geist unsichtbar gesandt.
Einwand 2: Ferner geschieht die Sendung der göttlichen Person gemäß der heiligmachenden Gnade. Aber die Gaben, die zur Vervollkommnung des Intellekts gehören, sind keine Gaben der heiligmachenden Gnade, da sie ohne die Gabe der Liebe (Caritas) innegehabt werden können, gemäß 1 Kor 13,2: „Und wenn ich prophetisch reden könnte und alle Geheimnisse wüsste und alle Erkenntnis hätte; wenn ich alle Glaubenskraft besäße und Berge damit versetzen könnte, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich nichts.“ Da also der Sohn als das Wort des Intellekts hervorgeht, scheint es unpassend, dass er unsichtbar gesandt wird.
Einwand 3: Ferner ist die Sendung der göttlichen Person ein Hervorgang, wie oben dargelegt (Artikel 1 und 4). Aber der Hervorgang des Sohnes und des Heiligen Geistes unterscheiden sich voneinander. Also sind es verschiedene Sendungen, wenn beide gesandt werden; und dann wäre eine von ihnen überflüssig, da eine für die Heiligung des Geschöpfes genügen würde.
Dagegen spricht, was von der göttlichen Weisheit gesagt wird (Weish 9,10): „Sende sie vom Himmel zu deinen Heiligen und vom Thron deiner Größe.“
Ich antworte darauf, dass die ganze Dreifaltigkeit durch die heiligmachende Gnade im Geist wohnt, gemäß Joh 14,23: „Wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen.“ Aber dass eine göttliche Person durch unsichtbare Gnade zu jemandem gesandt wird, bedeutet sowohl, dass diese Person auf neue Weise in ihm wohnt, als auch, dass sie ihren Ursprung von einem anderen hat. Da es also sowohl dem Sohn als auch dem Heiligen Geist zukommt, durch Gnade in der Seele zu wohnen und von einem anderen zu sein, kommt es daher beiden zu, unsichtbar gesandt zu werden. Was den Vater betrifft, so wohnt er zwar durch Gnade in uns, aber es kommt ihm nicht zu, von einem anderen zu sein, und folglich wird er nicht gesandt.
Antwort auf Einwand 1: Obwohl alle Gaben, als solche betrachtet, dem Heiligen Geist zugeschrieben werden, insofern er seiner Natur nach die erste Gabe ist, da er die Liebe ist, wie oben dargelegt (Quaestio 38, Artikel 1), werden dennoch einige Gaben aufgrund ihrer eigenen besonderen Natur in gewisser Weise dem Sohn zugeeignet (appropriiert), nämlich jene, die zum Intellekt gehören und in Bezug auf welche wir von der Sendung des Sohnes sprechen. Daher sagt Augustinus (De Trin. iv, 20), dass „der Sohn unsichtbar zu jemandem gesandt wird, wann immer er von jemandem erkannt und wahrgenommen wird.“
Antwort auf Einwand 2: Die Seele wird Gott durch die Gnade ähnlich gemacht. Damit also eine göttliche Person durch Gnade zu jemandem gesandt wird, muss eine Angleichung der Seele an die gesandte göttliche Person durch eine Gabe der Gnade erfolgen. Weil der Heilige Geist die Liebe ist, wird die Seele dem Heiligen Geist durch die Gabe der Liebe (Caritas) angeglichen: daher geschieht die Sendung des Heiligen Geistes gemäß der Weise der Liebe. Der Sohn hingegen ist das Wort, nicht irgendeine Art von Wort, sondern eines, das Liebe haucht. Daher sagt Augustinus (De Trin. ix, 10): „Das Wort, von dem wir sprechen, ist Erkenntnis mit Liebe.“ So wird der Sohn nicht in Übereinstimmung mit jeder beliebigen Art intellektueller Vervollkommnung gesandt, sondern gemäß der intellektuellen Erleuchtung, die in die Neigung der Liebe ausbricht, wie gesagt wird (Joh 6,45): „Jeder, der vom Vater gehört und gelernt hat, kommt zu mir“, und (Ps 38,4): „In meinem Sinnen entflammt ein Feuer.“ So sagt Augustinus deutlich (De Trin. iv, 20): „Der Sohn wird gesandt, wann immer er von jemandem erkannt und wahrgenommen wird.“ Nun impliziert Wahrnehmung eine gewisse Erfahrungserkenntnis; und dies wird eigentlich Weisheit [sapientia] genannt, gleichsam ein kostendes Wissen [sapida scientia], gemäß Sir 6,23: „Die Weisheit der Lehre ist gemäß ihrem Namen.“
Antwort auf Einwand 3: Da Sendung den Ursprung der Person impliziert, die gesandt wird, und ihre Einwohnung durch Gnade, wie oben erklärt (Artikel 1), wird, wenn wir von Sendung gemäß dem Ursprung sprechen, in diesem Sinne die Sendung des Sohnes von der Sendung des Heiligen Geistes unterschieden, wie die Zeugung vom Hervorgang unterschieden wird. Wenn wir die Sendung in Bezug auf die Wirkung der Gnade betrachten, so sind in diesem Sinne die zwei Sendungen in der Wurzel, welche die Gnade ist, vereint, unterscheiden sich aber in den Wirkungen der Gnade, die in der Erleuchtung des Intellekts und dem Entzünden der Neigung bestehen. So ist offenkundig, dass eine Sendung nicht ohne die andere sein kann, weil keine ohne die heiligmachende Gnade stattfindet, noch eine Person von der anderen getrennt ist.