I, q. 3 a. 3
Ob Gott dasselbe ist wie sein Wesen oder seine Natur?
Quaestio 3 · Von der Einfachheit Gottes
Einwand 1: Es scheint, dass Gott nicht dasselbe ist wie sein Wesen oder seine Natur. Denn nichts kann in sich selbst sein. Aber die Substanz oder Natur Gottes – d. h. die Gottheit – wird als in Gott seiend bezeichnet. Daher scheint es, dass Gott nicht dasselbe ist wie sein Wesen oder seine Natur.
Einwand 2: Ferner wird die Wirkung der Ursache angeglichen; denn jedes Agens bringt sein Ähnliches hervor. Aber in den geschaffenen Dingen ist das „Suppositum“ nicht identisch mit seiner Natur; denn ein Mensch ist nicht dasselbe wie seine Menschheit. Also ist Gott nicht dasselbe wie seine Gottheit.
Dagegen spricht, dass von Gott gesagt wird, er sei das Leben selbst, und nicht nur, dass er ein lebendiges Ding sei: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14,6). Nun ist das Verhältnis zwischen Gottheit und Gott dasselbe wie das Verhältnis zwischen Leben und einem lebendigen Ding. Also ist Gott seine Gottheit selbst.
Ich antworte darauf, dass Gott dasselbe ist wie sein Wesen oder seine Natur. Um dies zu verstehen, muss beachtet werden, dass in Dingen, die aus Materie und Form zusammengesetzt sind, die Natur oder das Wesen vom „Suppositum“ verschieden sein muss, weil das Wesen oder die Natur nur das bezeichnet, was in der Definition der Spezies enthalten ist; so wie Menschheit alles bezeichnet, was in der Definition des Menschen enthalten ist, denn dadurch ist der Mensch Mensch, und dies ist es, was Menschheit bezeichnet, nämlich das, wodurch der Mensch Mensch ist. Nun ist die individuelle Materie mit allen individuierenden Akzidenzien nicht in der Definition der Spezies enthalten. Denn dieses bestimmte Fleisch, diese Knochen, diese Schwärze oder Weiße usw. sind nicht in der Definition eines Menschen enthalten. Daher sind dieses Fleisch, diese Knochen und die akzidentellen Qualitäten, die diese bestimmte Materie unterscheiden, nicht in der Menschheit enthalten; und doch sind sie in dem Ding enthalten, das Mensch ist. Daher hat das Ding, das ein Mensch ist, etwas mehr in sich als die Menschheit. Folglich sind Menschheit und ein Mensch nicht völlig identisch; sondern Menschheit wird verstanden als der formale Teil eines Menschen, weil die Prinzipien, durch die ein Ding definiert wird, als das formale Konstitutivum in Bezug auf die individuierende Materie betrachtet werden. Andererseits ist es bei Dingen, die nicht aus Materie und Form zusammengesetzt sind, in denen die Individuation nicht auf individuelle Materie zurückzuführen ist – das heißt auf „diese“ Materie –, da die Formen selbst aus sich heraus individuiert sind, notwendig, dass die Formen selbst subsistierende „Supposita“ sind. Daher sind „Suppositum“ und Natur in ihnen identisch. Da Gott also nicht aus Materie und Form zusammengesetzt ist, muss er seine eigene Gottheit, sein eigenes Leben und was immer sonst so von ihm ausgesagt wird, sein.
Antwort auf Einwand 1: Wir können von einfachen Dingen nur so sprechen, als ob sie den zusammengesetzten Dingen ähnlich wären, von denen wir unser Wissen ableiten. Daher verwenden wir, wenn wir von Gott sprechen, konkrete Substantive, um seine Subsistenz zu bezeichnen, weil bei uns nur jene Dinge subsistieren, die zusammengesetzt sind; und wir verwenden abstrakte Substantive, um seine Einfachheit zu bezeichnen. Wenn wir daher sagen, dass Gottheit oder Leben oder dergleichen in Gott sind, zeigen wir die zusammengesetzte Art und Weise an, in der unser Intellekt versteht, aber nicht, dass es in Gott irgendeine Zusammensetzung gibt.
Antwort auf Einwand 2: Die Wirkungen Gottes ahmen ihn nicht vollkommen nach, sondern nur so weit sie können; und die Nachahmung ist hier mangelhaft, gerade weil das, was einfach und eins ist, nur durch verschiedene Dinge dargestellt werden kann; folglich ist die Zusammensetzung ihnen akzidentell, und daher ist in ihnen das „Suppositum“ nicht dasselbe wie die Natur.