I, q. 3 a. 1
Ob Gott ein Körper ist?
Quaestio 3 · Von der Einfachheit Gottes
Einwand 1: Es scheint, dass Gott ein Körper ist. Denn ein Körper ist das, was drei Dimensionen hat. Die Heilige Schrift aber schreibt Gott drei Dimensionen zu, denn es steht geschrieben: „Er ist höher als der Himmel, was willst du tun? Tiefer als die Unterwelt, wie kannst du ihn erkennen? Länger als die Erde ist sein Maß und breiter als das Meer“ (Ijob 11,8-9). Also ist Gott ein Körper.
Einwand 2: Ferner ist alles, was eine Gestalt hat, ein Körper, da die Gestalt eine Qualität der Quantität ist. Gott aber scheint eine Gestalt zu haben, denn es steht geschrieben: „Lasst uns den Menschen machen nach unserem Bild und Gleichnis“ (Gen 1,26). Nun wird eine Gestalt Bild genannt, gemäß dem Text: „Er ist der Abglanz seiner Herrlichkeit und die Gestalt“, d. h. das Bild, „seines Wesens“ (Hebr 1,3). Also ist Gott ein Körper.
Einwand 3: Ferner ist alles, was körperliche Teile hat, ein Körper. Die Schrift aber schreibt Gott körperliche Teile zu. „Hast du einen Arm wie Gott?“ (Ijob 40,4); und „Die Augen des Herrn ruhen auf den Gerechten“ (Ps 33,18); und „Die Rechte des Herrn hat Kraft gewirkt“ (Ps 117,16). Also ist Gott ein Körper.
Einwand 4: Ferner kommt eine Körperhaltung nur Körpern zu. Aber etwas, das eine Körperhaltung voraussetzt, wird in der Schrift von Gott ausgesagt: „Ich sah den Herrn sitzen“ (Jes 6,1), und „Er steht auf, um zu richten“ (Jes 3,13). Also ist Gott ein Körper.
Einwand 5: Ferner können nur Körper oder körperliche Dinge ein örtlicher Ausgangs- oder Zielpunkt sein. In der Schrift aber wird von Gott als einem örtlichen Zielpunkt gesprochen, gemäß den Worten: „Kommt zu ihm und werdet erleuchtet“ (Ps 33,6), und als einem Ausgangspunkt: „Alle, die sich von dir entfernen, werden in die Erde geschrieben“ (Jer 17,13). Also ist Gott ein Körper.
Dagegen spricht, was im Evangelium nach Johannes steht (Joh 4,24): „Gott ist Geist.“
Ich antworte darauf, dass es absolut wahr ist, dass Gott kein Körper ist; und dies kann auf dreifache Weise gezeigt werden. Erstens, weil kein Körper in Bewegung ist, wenn er nicht bewegt wird, wie aus der Induktion ersichtlich ist. Nun ist aber bereits bewiesen worden (Frage [2], Artikel [3]), dass Gott der erste Beweger ist und selbst unbewegt ist. Daher ist es klar, dass Gott kein Körper ist. Zweitens, weil das erste Seiende notwendigerweise im Akt sein muss und keineswegs in der Potenz. Denn obwohl in jedem einzelnen Ding, das von der Potenz in den Akt übergeht, die Potenz zeitlich früher ist als der Akt, so ist doch, absolut betrachtet, der Akt früher als die Potenz; denn was in Potenz ist, kann nur durch ein Seiendes, das im Akt ist, in den Akt überführt werden. Nun ist bereits bewiesen worden, dass Gott das erste Seiende ist. Es ist daher unmöglich, dass in Gott irgendeine Potenz sei. Jeder Körper aber ist in Potenz, weil das Kontinuierliche als solches bis ins Unendliche teilbar ist; es ist daher unmöglich, dass Gott ein Körper sei. Drittens, weil Gott das edelste der Seienden ist. Nun ist es unmöglich, dass ein Körper das edelste der Seienden ist; denn ein Körper muss entweder beseelt oder unbeseelt sein; und ein beseelter Körper ist offensichtlich edler als jeder unbeseelte Körper. Aber ein beseelter Körper ist nicht gerade deshalb beseelt, weil er Körper ist; sonst wären alle Körper beseelt. Daher hängt seine Beseelung von etwas anderem ab, wie unser Körper für seine Beseelung von der Seele abhängt. Folglich muss das, wodurch ein Körper beseelt wird, edler sein als der Körper. Daher ist es unmöglich, dass Gott ein Körper sei.
Antwort auf Einwand 1: Wie wir oben gesagt haben (Frage [1], Artikel [9]), stellt uns die Heilige Schrift geistige und göttliche Dinge unter dem Vergleich mit körperlichen Dingen vor. Wenn sie also Gott die drei Dimensionen unter dem Vergleich mit körperlicher Quantität zuschreibt, so bezeichnet sie damit seine virtuelle Quantität (Machtfülle); so bezeichnet sie durch Tiefe seine Macht, verborgene Dinge zu erkennen; durch Höhe die Erhabenheit seiner überragenden Macht; durch Länge die Dauer seines Daseins; durch Breite seinen Akt der Liebe zu allen. Oder, wie Dionysius sagt (Div. Nom. ix), wird unter der Tiefe Gottes die Unbegreiflichkeit seines Wesens verstanden; unter der Länge der Fortgang seiner alles durchdringenden Kraft; unter der Breite seine Ausbreitung über alle Dinge, insofern alle Dinge unter seinem Schutz stehen.
Antwort auf Einwand 2: Der Mensch wird nach dem Bilde Gottes genannt, nicht hinsichtlich seines Körpers, sondern hinsichtlich dessen, wodurch er andere Tiere übertrifft. Daher wird, wenn gesagt wird: „Lasst uns den Menschen machen nach unserem Bild und Gleichnis“, hinzugefügt: „Und er soll herrschen über die Fische des Meeres“ (Gen 1,26). Nun übertrifft der Mensch alle Tiere durch seine Vernunft und Intelligenz; daher wird der Mensch gemäß seiner Intelligenz und Vernunft, die unkörperlich sind, als nach dem Bilde Gottes seiend bezeichnet.
Antwort auf Einwand 3: Körperliche Teile werden Gott in der Schrift aufgrund seiner Handlungen zugeschrieben, und dies aufgrund einer gewissen Parallele. Zum Beispiel ist der Akt des Auges das Sehen; daher bezeichnet das Gott zugeschriebene Auge seine Kraft, intellektuell, nicht sinnlich, zu sehen; und so verhält es sich mit den anderen Teilen.
Antwort auf Einwand 4: Auch alles, was zur Körperhaltung gehört, wird Gott nur aufgrund einer gewissen Parallele zugeschrieben. Er wird als sitzend bezeichnet wegen seiner Unveränderlichkeit und Herrschaft; und als stehend wegen seiner Macht, alles zu überwinden, was ihm widersteht.
Antwort auf Einwand 5: Wir nähern uns Gott nicht durch körperliche Schritte, da er überall ist, sondern durch die Regungen unserer Seele, und durch die Handlungen derselben Seele entfernen wir uns von ihm; so bezeichnen sich nähern oder sich entfernen lediglich geistige Handlungen, basierend auf der Metapher der örtlichen Bewegung.