I, q. 3 a. 2
Ob Gott aus Materie und Form zusammengesetzt ist?
Quaestio 3 · Von der Einfachheit Gottes
Einwand 1: Es scheint, dass Gott aus Materie und Form zusammengesetzt ist. Denn alles, was eine Seele hat, ist aus Materie und Form zusammengesetzt; da die Seele die Form des Körpers ist. Die Schrift aber schreibt Gott eine Seele zu; denn es wird im Hebräerbrief erwähnt (Hebr 10,38), wo Gott sagt: „Mein Gerechter aber lebt aus dem Glauben; wenn er sich aber entzieht, wird er meiner Seele nicht gefallen.“ Also ist Gott aus Materie und Form zusammengesetzt.
Einwand 2: Ferner sind Zorn, Freude und dergleichen Leidenschaften des Zusammengesetzten. Diese aber werden Gott in der Schrift zugeschrieben: „Der Herr entbrannte in großem Zorn gegen sein Volk“ (Ps 105,40). Also ist Gott aus Materie und Form zusammengesetzt.
Einwand 3: Ferner ist die Materie das Prinzip der Individuation. Gott aber scheint ein Individuum zu sein, denn er kann nicht von vielen ausgesagt werden. Also ist er aus Materie und Form zusammengesetzt.
Dagegen spricht, dass alles, was aus Materie und Form zusammengesetzt ist, ein Körper ist; denn die ausgedehnte Quantität ist die erste Eigenschaft der Materie. Gott aber ist kein Körper, wie im vorhergehenden Artikel bewiesen wurde; also ist er nicht aus Materie und Form zusammengesetzt.
Ich antworte darauf, dass es unmöglich ist, dass Materie in Gott existiert. Erstens, weil Materie in Potenz ist. Wir haben aber gezeigt (Frage [2], Artikel [3]), dass Gott reiner Akt ist, ohne jede Potenz. Daher ist es unmöglich, dass Gott aus Materie und Form zusammengesetzt ist. Zweitens, weil alles, was aus Materie und Form zusammengesetzt ist, seine Vollkommenheit und Güte seiner Form verdankt; daher ist seine Güte teilhabend (partizipiert), insofern die Materie an der Form teilhat. Nun ist das erste Gute und das Beste – nämlich Gott – kein teilhabendes Gut, weil das wesentliche Gut früher ist als das teilhabende Gut. Daher ist es unmöglich, dass Gott aus Materie und Form zusammengesetzt ist. Drittens, weil jedes Agens durch seine Form handelt; daher ist die Art und Weise, wie es seine Form hat, die Art und Weise, wie es ein Agens ist. Deshalb muss alles, was primär und wesenhaft ein Agens ist, primär und wesenhaft Form sein. Nun ist Gott das erste Agens, da er die erste Wirkursache ist. Er ist daher seinem Wesen nach eine Form; und nicht aus Materie und Form zusammengesetzt.
Antwort auf Einwand 1: Eine Seele wird Gott zugeschrieben, weil seine Akte den Akten einer Seele ähneln; denn dass wir etwas wollen, verdanken wir unserer Seele. Daher wird das, was seinem Willen gefällt, als seiner Seele gefallend bezeichnet.
Antwort auf Einwand 2: Zorn und dergleichen werden Gott aufgrund einer Ähnlichkeit der Wirkung zugeschrieben. So wird, weil das Strafen eigentlich der Akt eines zornigen Menschen ist, Gottes Strafe metaphorisch als sein Zorn bezeichnet.
Antwort auf Einwand 3: Formen, die in Materie empfangen werden können, werden durch die Materie individuiert, die nicht in einem anderen als in einem Subjekt sein kann, da sie das erste zugrundeliegende Subjekt ist; obwohl die Form an sich, wenn nichts anderes es verhindert, von vielen empfangen werden kann. Aber jene Form, die nicht in Materie empfangen werden kann, sondern selbstsubsistierend ist, ist gerade deshalb individuiert, weil sie nicht in einem Subjekt empfangen werden kann; und eine solche Form ist Gott. Daher folgt nicht, dass Materie in Gott existiert.