I, q. 23 a. 7
Ob die Zahl der Vorherbestimmten gewiss ist?
Quaestio 23 · Von der Vorherbestimmung
Einwand 1: Es scheint, dass die Zahl der Vorherbestimmten nicht gewiss ist. Denn eine Zahl, zu der eine Hinzufügung gemacht werden kann, ist nicht gewiss. Aber es kann eine Hinzufügung zur Zahl der Vorherbestimmten geben, wie es scheint; denn es steht geschrieben (Dtn 1,11): „Der Herr Gott füge zu dieser Zahl viele Tausende hinzu“, und eine Glosse fügt hinzu: „festgesetzt von Gott, der jene kennt, die zu Ihm gehören.“ Also ist die Zahl der Vorherbestimmten nicht gewiss.
Einwand 2: Ferner kann kein Grund angegeben werden, warum Gott eine Zahl von Menschen mehr als eine andere zum Heil vorherordnet. Aber nichts wird von Gott ohne Grund angeordnet. Also kann die von Gott zum Heil vorhergeordnete Zahl nicht gewiss sein.
Einwand 3: Ferner sind die Operationen Gottes vollkommener als die der Natur. Aber in den Werken der Natur findet sich das Gute in der Mehrheit der Dinge; Mangel und Übel in der Minderheit. Wenn also die Zahl der Geretteten von Gott auf eine bestimmte Ziffer festgesetzt wäre, würden mehr gerettet als verloren gehen. Doch das Gegenteil folgt aus Mt 7,13.14: „Denn weit ist das Tor und breit der Weg, der ins Verderben führt, und viele sind es, die dort hineingehen. Wie eng ist das Tor und schmal der Weg, der zum Leben führt; und wenige sind es, die ihn finden!“ Also ist die Zahl jener, die von Gott zum Heil vorhergeordnet sind, nicht gewiss.
Dagegen spricht, dass Augustinus sagt (De Corr. et Grat. 13): „Die Zahl der Vorherbestimmten ist gewiss und kann weder vermehrt noch vermindert werden.“
Ich antworte darauf, dass die Zahl der Vorherbestimmten gewiss ist. Einige haben gesagt, dass sie formal, aber nicht material gewiss sei; als ob wir sagen würden, es sei gewiss, dass hundert oder tausend gerettet würden; nicht jedoch diese oder jene Individuen. Aber dies zerstört die Gewissheit der Vorherbestimmung, von der wir oben sprachen (Artikel [6]). Deshalb müssen wir sagen, dass für Gott die Zahl der Vorherbestimmten gewiss ist, nicht nur formal, sondern auch material. Es muss jedoch beachtet werden, dass die Zahl der Vorherbestimmten für Gott gewiss genannt wird, nicht aufgrund seines Wissens, weil er nämlich weiß, wie viele gerettet werden (denn auf diese Weise sind die Zahl der Regentropfen und der Sandkörner des Meeres für Gott gewiss); sondern aufgrund seiner bewussten Wahl und Bestimmung. Zum weiteren Beweis dessen müssen wir uns erinnern, dass jeder Handelnde beabsichtigt, etwas Endliches zu machen, wie aus dem klar ist, was oben gesagt wurde, als wir das Unendliche behandelten (Frage [7], Artikel [2], 3). Wer nun ein bestimmtes Maß in seiner Wirkung beabsichtigt, denkt sich eine bestimmte Zahl in den wesentlichen Teilen aus, die ihrer Natur nach für die Vollkommenheit des Ganzen erforderlich sind. Denn von jenen Dingen, die nicht prinzipiell, sondern nur wegen etwas anderem erforderlich sind, wählt er keine bestimmte Zahl „per se“; sondern er akzeptiert und verwendet sie in solcher Zahl, wie sie wegen jener anderen Sache notwendig sind. Zum Beispiel denkt sich ein Baumeister die bestimmten Maße eines Hauses aus und auch die bestimmte Zahl der Räume, die er im Haus machen will; und bestimmte Maße der Wände und des Daches; er wählt jedoch keine bestimmte Zahl von Steinen, sondern akzeptiert und verwendet gerade so viele, wie für die erforderlichen Maße der Mauer ausreichend sind. So müssen wir auch in Bezug auf Gott hinsichtlich des ganzen Universums denken, das seine Wirkung ist. Denn er hat die Maße des gesamten Universums vorhergeordnet und welche Zahl den wesentlichen Teilen dieses Universums angemessen wäre – das heißt, welche in gewisser Weise für die Dauerhaftigkeit geordnet wurden; wie viele Sphären, wie viele Sterne, wie viele Elemente und wie viele Arten. Individuen jedoch, die der Korruption unterliegen, sind nicht gleichsam hauptsächlich für das Wohl des Universums geordnet, sondern auf sekundäre Weise, insofern das Wohl der Spezies durch sie bewahrt wird. Daher, obwohl Gott die Gesamtzahl der Individuen kennt, ist die Zahl der Ochsen, Fliegen und dergleichen nicht „per se“ von Gott vorhergeordnet; sondern die göttliche Vorsehung bringt gerade so viele hervor, wie für die Erhaltung der Spezies ausreichend sind. Nun ist von allen Geschöpfen das vernunftbegabte Geschöpf hauptsächlich für das Wohl des Universums geordnet, da es als solches unvergänglich ist; besonders jene, die die ewige Glückseligkeit erreichen, da sie unmittelbarer das letzte Ziel erreichen. Daher ist die Zahl der Vorherbestimmten für Gott gewiss; nicht nur im Wege des Wissens, sondern auch im Wege einer prinzipiellen Vorherordnung.
Es ist nicht genau dasselbe im Fall der Zahl der Verworfenen, die von Gott für das Wohl der Auserwählten vorhergeordnet zu sein scheinen, in deren Hinsicht „alle Dinge zum Guten zusammenwirken“ (Röm 8,28). Bezüglich der Zahl aller Vorherbestimmten sagen einige, dass so viele Menschen gerettet werden, wie Engel gefallen sind; einige, so viele, wie Engel übrig geblieben sind; andere, so viele wie die Zahl der von Gott geschaffenen Engel. Es ist jedoch besser zu sagen, dass „Gott allein die Zahl derer bekannt ist, denen die ewige Glückseligkeit vorbehalten ist“ [*Aus dem ‚Stillgebet‘ des Messbuchs, ‚pro vivis et defunctis‘].
Zu Einwand 1: Diese Worte des Deuteronomiums müssen auf jene bezogen werden, die von Gott im Hinblick auf gegenwärtige Gerechtigkeit ausgezeichnet sind. Denn ihre Zahl wird vermehrt und vermindert, aber nicht die Zahl der Vorherbestimmten.
Zu Einwand 2: Der Grund für die Quantität irgendeines Teiles muss nach dem Verhältnis dieses Teiles zum Ganzen beurteilt werden. So ist in Gott der Grund, warum er so viele Sterne oder so viele Arten von Dingen gemacht oder so viele vorherbestimmt hat, gemäß dem Verhältnis der Hauptteile zum Wohl des ganzen Universums.
Zu Einwand 3: Das Gute, das dem allgemeinen Zustand der Natur angemessen ist, findet sich in der Mehrheit; und fehlt in der Minderheit. Das Gute, das den allgemeinen Zustand der Natur übersteigt, findet sich in der Minderheit und fehlt in der Mehrheit. So ist klar, dass die Mehrheit der Menschen ein ausreichendes Wissen für die Lebensführung hat; und jene, die dieses Wissen nicht haben, werden als schwachsinnig oder töricht bezeichnet; aber jene, die zu einem tiefen Wissen der intelligiblen Dinge gelangen, sind eine sehr kleine Minderheit im Vergleich zum Rest. Da ihre ewige Glückseligkeit, die in der Schau Gottes besteht, den allgemeinen Zustand der Natur übersteigt, und besonders insofern diese durch die Korruption der Erbsünde der Gnade beraubt ist, sind jene, die gerettet werden, in der Minderheit. Darin jedoch erscheint besonders die Barmherzigkeit Gottes, dass er einige für jenes Heil erwählt hat, das sehr viele gemäß dem allgemeinen Lauf und der Tendenz der Natur verfehlen.