I, q. 23 a. 8
Ob die Vorherbestimmung durch die Gebete der Heiligen gefördert werden kann?
Quaestio 23 · Von der Vorherbestimmung
Einwand 1: Es scheint, dass die Vorherbestimmung nicht durch die Gebete der Heiligen gefördert werden kann. Denn nichts Ewiges kann von etwas Zeitlichem vorhergegangen werden; und folglich kann nichts Zeitliches dazu beitragen, etwas anderes ewig zu machen. Aber Vorherbestimmung ist ewig. Da also die Gebete der Heiligen zeitlich sind, können sie nicht so helfen, dass sie jemanden dazu bringen, vorherbestimmt zu werden. Vorherbestimmung wird daher nicht durch die Gebete der Heiligen gefördert.
Einwand 2: Ferner, wie es keinen Bedarf an Rat gibt außer wegen mangelnden Wissens, so gibt es keinen Bedarf an Hilfe außer durch mangelnde Macht. Aber keines dieser Dinge kann von Gott gesagt werden, wenn er vorherbestimmt. Daher heißt es: „Wer hat dem Geist des Herrn geholfen? [*Vulg.: ‚Wer hat den Sinn des Herrn erkannt?‘] Oder wer ist sein Ratgeber gewesen?“ (Röm 11,34). Also kann die Vorherbestimmung nicht durch die Gebete der Heiligen gefördert werden.
Einwand 3: Ferner, wenn einer Sache geholfen werden kann, kann sie auch behindert werden. Aber Vorherbestimmung kann durch nichts behindert werden. Also kann sie durch nichts gefördert werden.
Dagegen spricht, dass gesagt wird, dass „Isaak den Herrn für seine Frau bat, weil sie unfruchtbar war; und Er erhörte ihn und ließ Rebekka empfangen“ (Gen 25,21). Aber aus dieser Empfängnis wurde Jakob geboren, und er war vorherbestimmt. Nun wäre seine Vorherbestimmung nicht geschehen, wenn er niemals geboren worden wäre. Also kann die Vorherbestimmung durch die Gebete der Heiligen gefördert werden.
Ich antworte darauf, dass es bezüglich dieser Frage verschiedene Irrtümer gab. Einige sagten im Hinblick auf die Gewissheit der göttlichen Vorherbestimmung, dass Gebete überflüssig seien, wie auch alles andere, was getan wird, um das Heil zu erlangen; weil, ob diese Dinge getan würden oder nicht, die Vorherbestimmten das ewige Heil erlangen würden und die Verworfenen nicht. Aber gegen diese Meinung stehen alle Warnungen der Heiligen Schrift, die uns zum Gebet und zu anderen guten Werken ermahnen.
Andere erklärten, dass die göttliche Vorherbestimmung durch Gebet geändert werde. Dies soll die Meinung der Ägypter gewesen sein, die dachten, dass die göttliche Anordnung, die sie Schicksal nannten, durch gewisse Opfer und Gebete vereitelt werden könne. Dagegen steht auch die Autorität der Schrift. Denn es heißt: „Aber der Triumphator in Israel wird nicht schonen und wird nicht zur Reue bewegt werden“ (1 Sam 15,29); und dass „die Gaben und die Berufung Gottes ohne Reue sind“ (Röm 11,29).
Deshalb müssen wir anders sagen, dass bei der Vorherbestimmung zwei Dinge zu betrachten sind – nämlich die göttliche Anordnung und ihre Wirkung. Was das Erstere betrifft, kann die Vorherbestimmung auf keine mögliche Weise durch die Gebete der Heiligen gefördert werden. Denn es ist nicht ihren Gebeten geschuldet, dass jemand von Gott vorherbestimmt ist. Was das Letztere betrifft, so sagt man, dass die Vorherbestimmung durch die Gebete der Heiligen und durch andere gute Werke unterstützt wird; weil die Vorsehung, von der die Vorherbestimmung ein Teil ist, die Zweitursachen nicht abschafft, sondern Wirkungen so vorsieht, dass die Ordnung der Zweitursachen auch unter die Vorsehung fällt. So wie also natürliche Wirkungen von Gott auf solche Weise vorgesehen werden, dass natürliche Ursachen darauf hingelenkt werden, jene natürlichen Wirkungen hervorzubringen, ohne die jene Wirkungen nicht geschehen würden; so ist das Heil einer Person von Gott auf solche Weise vorherbestimmt, dass alles, was jener Person zum Heil hilft, unter die Ordnung der Vorherbestimmung fällt; sei es das eigene Gebet oder das eines anderen; oder andere gute Werke und dergleichen, ohne die man nicht zum Heil gelangen würde. Daher müssen die Vorherbestimmten nach guten Werken und Gebet streben; weil durch diese Mittel die Vorherbestimmung ganz gewiss erfüllt wird. Aus diesem Grund heißt es: „Bemüht euch umso mehr, durch gute Werke eure Berufung und Auserwählung fest zu machen“ (2 Petr 1,10).
Zu Einwand 1: Dieses Argument zeigt, dass die Vorherbestimmung nicht durch die Gebete der Heiligen gefördert wird, was die Vorherordnung betrifft.
Zu Einwand 2: Man sagt auf zwei Weisen, dass einem von einem anderen geholfen wird; auf eine Weise, insofern er Kraft von ihm empfängt: und so geholfen zu werden, gehört den Schwachen zu; aber dies kann nicht von Gott gesagt werden, und so müssen wir verstehen: „Wer hat dem Geist des Herrn geholfen?“ Auf eine andere Weise sagt man, dass einem von einer Person geholfen wird, durch die er sein Werk ausführt, wie ein Herr durch einen Diener. Auf diese Weise wird Gott von uns geholfen; insofern wir seine Befehle ausführen, gemäß 1 Kor 3,9: „Wir sind Gottes Mitarbeiter.“ Und dies geschieht nicht wegen irgendeines Mangels in der Macht Gottes, sondern weil Er zwischengeschaltete Ursachen einsetzt, damit die Schönheit der Ordnung im Universum bewahrt bleibe; und auch damit Er den Geschöpfen die Würde der Kausalität mitteile.
Zu Einwand 3: Zweitursachen können der Ordnung der ersten universalen Ursache nicht entkommen, wie oben gesagt wurde (Frage [19], Artikel [6]), vielmehr führen sie jene Ordnung aus. Und deshalb kann die Vorherbestimmung durch Geschöpfe gefördert werden, aber sie kann nicht durch sie behindert werden.