I, q. 23 a. 1
Ob die Menschen von Gott vorherbestimmt sind?
Quaestio 23 · Von der Vorherbestimmung
Einwand 1: Es scheint, dass die Menschen nicht von Gott vorherbestimmt sind. Denn Damascenus sagt (De Fide Orth. ii, 30): „Man muss bedenken, dass Gott zwar alles vorherweiß, aber nicht alles vorherbestimmt; denn er weiß alles vorher, was in uns ist, aber er bestimmt es nicht alles vorher.“ Menschliches Verdienst und Missverdienst liegen aber in uns, insofern wir durch den freien Willen Herr über unsere eigenen Handlungen sind. Alles also, was sich auf Verdienst oder Missverdienst bezieht, ist nicht von Gott vorherbestimmt; und so wird die Vorherbestimmung des Menschen aufgehoben.
Einwand 2: Ferner werden alle Geschöpfe durch die göttliche Vorsehung auf ihr Ziel hingelenkt, wie oben gesagt wurde (Frage [22], Artikel [1], 2). Aber von anderen Geschöpfen sagt man nicht, sie seien von Gott vorherbestimmt. Also auch nicht die Menschen.
Einwand 3: Ferner sind die Engel ebenso der Seligkeit fähig wie die Menschen. Aber Vorherbestimmung ist für Engel nicht angemessen, da es in ihnen niemals irgendein Elend (miseria) gab; denn Vorherbestimmung ist, wie Augustinus sagt (De praedest. sanct. 17), der „Vorsatz, sich zu erbarmen [miserendi]“ [*Siehe Frage [22], Artikel [3]]. Also werden Menschen nicht vorherbestimmt.
Einwand 4: Ferner werden die Wohltaten, die Gott den Menschen verleiht, den heiligen Männern durch den Heiligen Geist offenbart, gemäß dem Wort des Apostels (1 Kor 2,12): „Wir aber haben nicht den Geist dieser Welt empfangen, sondern den Geist, der aus Gott ist, damit wir wissen, was uns von Gott geschenkt ist.“ Wenn also der Mensch von Gott vorherbestimmt wäre, müsste, da die Vorherbestimmung eine Wohltat Gottes ist, seine Vorherbestimmung jedem Vorherbestimmten bekannt gemacht werden; was offensichtlich falsch ist.
Dagegen spricht, dass geschrieben steht (Röm 8,30): „Die er aber vorherbestimmt hat, die hat er auch berufen.“
Ich antworte darauf, dass es angemessen ist, dass Gott die Menschen vorherbestimmt. Denn alles unterliegt seiner Vorsehung, wie oben gezeigt wurde (Frage [22], Artikel [2]). Nun gehört es zur Vorsehung, die Dinge auf ihr Ziel hinzulenken, wie ebenfalls gesagt wurde (Frage [22], Artikel [1], 2). Das Ziel, auf das die geschaffenen Dinge von Gott hingelenkt werden, ist zweifach: eines, das jedes Verhältnis und Vermögen der geschaffenen Natur übersteigt; und dieses Ziel ist das ewige Leben, das im Schauen Gottes besteht, was über der Natur jedes Geschöpfes liegt, wie oben gezeigt wurde (Frage [12], Artikel [4]). Das andere Ziel jedoch ist der geschaffenen Natur angemessen, und dieses Ziel kann das geschaffene Wesen gemäß der Kraft seiner Natur erreichen. Wenn nun ein Ding etwas nicht aus der Kraft seiner Natur erreichen kann, muss es von einem anderen dorthin gelenkt werden; so wie ein Pfeil vom Schützen auf ein Ziel gelenkt wird. Daher wird das vernunftbegabte Geschöpf, das des ewigen Lebens fähig ist, im eigentlichen Sinne dorthin geführt, gleichsam von Gott gelenkt. Der Grund (ratio) dieser Lenkung existiert in Gott vorher; wie in Ihm der Typus der Ordnung aller Dinge zu einem Ziel ist, was wir oben als Vorsehung nachgewiesen haben. Nun ist der Typus im Geist dessen, der etwas tun will, eine Art Vorexistenz des zu Tuenden in ihm. Daher wird der Typus der besagten Lenkung des vernunftbegabten Geschöpfes zum Ziel des ewigen Lebens Vorherbestimmung genannt. Denn bestimmen heißt, jemanden lenken oder senden. So ist klar, dass die Vorherbestimmung, was ihre Objekte betrifft, ein Teil der Vorsehung ist.
Zu Einwand 1: Damascenus nennt Vorherbestimmung eine Auferlegung von Notwendigkeit, nach der Art der natürlichen Dinge, die auf ein Ziel vorherbestimmt sind. Dies wird klar aus dem, was er hinzufügt: „Er will nicht die Bosheit, noch erzwingt er die Tugend.“ Daher wird die Vorherbestimmung von ihm nicht ausgeschlossen.
Zu Einwand 2: Vernunftlose Geschöpfe sind jenes Zieles nicht fähig, das das Vermögen der menschlichen Natur übersteigt. Daher kann man von ihnen nicht im eigentlichen Sinne sagen, sie seien vorherbestimmt; obwohl der Begriff im uneigentlichen Sinne in Bezug auf jedes andere Ziel verwendet wird.
Zu Einwand 3: Vorherbestimmung gilt für Engel ebenso wie für Menschen, obwohl sie niemals unglücklich waren. Denn eine Bewegung erhält ihre Spezies nicht vom Ausgangspunkt („woher“), sondern vom Zielpunkt („wohin“). Denn es spielt keine Rolle für den Begriff des Weißmachens, ob derjenige, der weiß gemacht wird, vorher schwarz, gelb oder rot war. Ebenso spielt es für den Begriff der Vorherbestimmung keine Rolle, ob jemand aus dem Zustand des Elends zum ewigen Leben vorherbestimmt wird oder nicht. Obwohl man sagen kann, dass jede Verleihung eines Gutes, das über das Geschuldete hinausgeht, zur Barmherzigkeit gehört; wie zuvor gezeigt wurde (Frage [21], Artikel [3], 4).
Zu Einwand 4: Selbst wenn durch ein besonderes Privileg ihre Vorherbestimmung einigen offenbart würde, ist es nicht angemessen, dass sie jedem offenbart wird; denn wenn dem so wäre, würden jene, die nicht vorherbestimmt sind, verzweifeln; und Sicherheit würde bei den Vorherbestimmten Nachlässigkeit erzeugen.