I, q. 23 a. 2
Ob die Vorherbestimmung etwas in dem Vorherbestimmten setzt?
Quaestio 23 · Von der Vorherbestimmung
Einwand 1: Es scheint, dass die Vorherbestimmung etwas in dem Vorherbestimmten setzt. Denn jede Handlung verursacht aus sich heraus ein Erleiden. Wenn also Vorherbestimmung eine Handlung in Gott ist, muss Vorherbestimmung ein Erleiden im Vorherbestimmten sein.
Einwand 2: Ferner sagt Origenes zu dem Text „Der vorherbestimmt war“ usw. (Röm 1,4): „Vorherbestimmung bezieht sich auf jemanden, der nicht ist; Bestimmung auf jemanden, der ist.“ Und Augustinus sagt (De Praed. Sanct.): „Was ist Vorherbestimmung anderes als die Bestimmung dessen, der ist?“ Daher bezieht sich Vorherbestimmung nur auf jemanden, der tatsächlich existiert; und so setzt sie etwas in dem Vorherbestimmten.
Einwand 3: Ferner ist die Vorbereitung etwas in dem Ding, das vorbereitet wird. Aber Vorherbestimmung ist die Vorbereitung der Wohltaten Gottes, wie Augustinus sagt (De Praed. Sanct. ii, 14). Also ist Vorherbestimmung etwas in dem Vorherbestimmten.
Einwand 4: Ferner geht nichts Zeitliches in die Definition der Ewigkeit ein. Aber die Gnade, die etwas Zeitliches ist, findet sich in der Definition der Vorherbestimmung. Denn Vorherbestimmung ist die Vorbereitung der Gnade in der Gegenwart und der Herrlichkeit in der Zukunft. Also ist Vorherbestimmung nichts Ewiges. So muss es notwendigerweise sein, dass sie im Vorherbestimmten ist und nicht in Gott; denn was immer in Ihm ist, ist ewig.
Dagegen spricht, dass Augustinus sagt (De Praed. Sanct. ii, 14), dass „Vorherbestimmung das Vorherwissen der Wohltaten Gottes ist“. Aber Vorherwissen ist nicht in den Dingen, die vorhergewusst werden, sondern in der Person, die sie vorherweiß. Daher ist die Vorherbestimmung in dem, der vorherbestimmt, und nicht in dem Vorherbestimmten.
Ich antworte darauf, dass die Vorherbestimmung nichts im Vorherbestimmten ist, sondern nur in der Person, die vorherbestimmt. Wir haben oben gesagt, dass Vorherbestimmung ein Teil der Vorsehung ist. Nun ist die Vorsehung nicht etwas in den Dingen, für die vorgesorgt wird, sondern sie ist ein Typus im Geist des Vorsorgenden, wie oben bewiesen wurde (Frage [22], Artikel [1]). Aber die Ausführung der Vorsehung, die Regierung genannt wird, ist auf passive Weise im regierten Ding und auf aktive Weise im Regenten. Daher ist klar, dass die Vorherbestimmung eine Art Typus der Anordnung einiger Personen zum ewigen Heil ist, der im göttlichen Geist existiert. Die Ausführung dieser Ordnung jedoch ist auf passive Weise in den Vorherbestimmten, aber aktiv in Gott. Die Ausführung der Vorherbestimmung ist die Berufung und Verherrlichung; gemäß dem Apostel (Röm 8,30): „Die er vorherbestimmt hat, die hat er auch berufen, und die er berufen hat, die hat er auch verherrlicht [Vulg. ‚gerechtfertigt‘].“
Zu Einwand 1: Handlungen, die auf eine äußere Materie übergehen, implizieren von sich aus ein Erleiden – zum Beispiel die Handlungen des Wärmens und Schneidens; aber nicht so Handlungen, die im Handelnden verbleiben, wie Verstehen und Wollen, wie oben gesagt wurde (Frage [14], Artikel [2]; Frage [18], Artikel [3], ad 1). Vorherbestimmung ist eine Handlung dieser letzteren Art. Deshalb setzt sie nichts in den Vorherbestimmten. Aber ihre Ausführung, die auf äußere Dinge übergeht, hat eine Wirkung in ihnen.
Zu Einwand 2: Bestimmung bezeichnet manchmal eine reale Sendung von jemandem zu einem gegebenen Ziel; so kann Bestimmung nur von jemandem gesagt werden, der tatsächlich existiert. Es wird jedoch in einem anderen Sinne für eine Sendung genommen, die eine Person im Geist konzipiert; und auf diese Weise sagen wir, dass wir eine Sache bestimmen, die wir uns fest im Geist vornehmen. In dieser letzteren Weise wird gesagt, dass Eleazar „beschloss [bestimmte], keine gesetzwidrigen Dinge aus Liebe zum Leben zu tun“ (2 Makk 6,20). So kann Bestimmung von einer Sache sein, die nicht existiert. Vorherbestimmung jedoch kann aufgrund der vorhergehenden Natur, die sie impliziert, einem Ding zugeschrieben werden, das nicht tatsächlich existiert; in welcher Weise auch immer Bestimmung aufgefasst wird.
Zu Einwand 3: Vorbereitung ist zweifach: des Empfangenden in Bezug auf das Erleiden, und dies ist in dem Ding, das vorbereitet wird; und des Handelnden zur Handlung, und dies ist im Handelnden. Eine solche Vorbereitung ist die Vorherbestimmung, und wie ein durch den Verstand Handelnder gesagt wird, sich zum Handeln vorzubereiten, insofern er die Idee dessen, was zu tun ist, vorkonzipiert. So hat Gott von aller Ewigkeit her durch Vorherbestimmung vorbereitet, indem er die Idee der Ordnung einiger zum Heil konzipierte.
Zu Einwand 4: Die Gnade kommt nicht in die Definition der Vorherbestimmung als etwas, das zu ihrem Wesen gehört, sondern insofern Vorherbestimmung eine Beziehung zur Gnade impliziert, wie die der Ursache zur Wirkung und des Aktes zu seinem Objekt. Daher folgt nicht, dass Vorherbestimmung etwas Zeitliches ist.