I, q. 23 a. 4
Ob die Vorherbestimmten von Gott auserwählt werden?
Quaestio 23 · Von der Vorherbestimmung
Einwand 1: Es scheint, dass die Vorherbestimmten nicht von Gott auserwählt werden. Denn Dionysius sagt (Div. Nom. iv, 1), dass wie die körperliche Sonne ihre Strahlen ohne Auswahl auf alle sendet, so auch Gott seine Güte. Aber die Güte Gottes wird einigen in besonderer Weise durch eine Teilhabe an Gnade und Herrlichkeit mitgeteilt. Also teilt Gott seine Gnade und Herrlichkeit ohne irgendeine Auswahl mit; und dies gehört zur Vorherbestimmung.
Einwand 2: Ferner bezieht sich die Auserwählung auf Dinge, die existieren. Aber Vorherbestimmung von aller Ewigkeit her bezieht sich auch auf Dinge, die nicht existieren. Also werden einige ohne Auserwählung vorherbestimmt.
Einwand 3: Ferner impliziert Auserwählung eine gewisse Unterscheidung. Nun will Gott, „dass alle Menschen gerettet werden“ (1 Tim 2,4). Also ist die Vorherbestimmung, die Menschen zum ewigen Heil hinordnet, ohne Auserwählung.
Dagegen spricht, dass es heißt (Eph 1,4): „Er hat uns in Ihm auserwählt vor Grundlegung der Welt.“
Ich antworte darauf, dass Vorherbestimmung in der Ordnung der Vernunft Auserwählung voraussetzt; und Auserwählung setzt Liebe voraus. Der Grund dafür ist, dass Vorherbestimmung, wie oben festgestellt (Artikel [1]), ein Teil der Vorsehung ist. Nun ist Vorsehung, wie auch Klugheit, der im Verstand existierende Plan, der die Anordnung einiger Dinge auf ein Ziel hin lenkt; wie oben bewiesen wurde (Frage [22], Artikel [2]). Aber nichts wird auf ein Ziel hingelenkt, es sei denn, der Wille für dieses Ziel existiert bereits. Daher setzt die Vorherbestimmung einiger zum ewigen Heil in der Ordnung der Vernunft voraus, dass Gott ihr Heil will; und dazu gehören sowohl Auserwählung als auch Liebe: Liebe, insofern er ihnen dieses besondere Gut des ewigen Heils will; da lieben heißt, jemandem Gutes zu wünschen, wie oben festgestellt (Frage [20], Artikel [2], 3); Auserwählung, insofern er dieses Gut einigen vorzugsweise vor anderen will; da er einige verwirft, wie oben festgestellt (Artikel [3]). Auserwählung und Liebe sind jedoch in Gott und in uns unterschiedlich geordnet: weil in uns der Wille im Lieben nicht das Gute verursacht, sondern wir durch das Gute, das bereits existiert, zur Liebe angeregt werden; und deshalb wählen wir jemanden aus, um ihn zu lieben, und so geht die Auserwählung in uns der Liebe voraus. In Gott jedoch ist es umgekehrt. Denn sein Wille, durch den er im Lieben jemandem Gutes wünscht, ist die Ursache jenes Gutes, das einige vorzugsweise vor anderen besitzen. So ist klar, dass die Liebe der Auserwählung in der Ordnung der Vernunft vorausgeht und die Auserwählung der Vorherbestimmung vorausgeht. Daher sind alle Vorherbestimmten Gegenstände der Auserwählung und der Liebe.
Zu Einwand 1: Wenn die Mitteilung der göttlichen Güte im Allgemeinen betrachtet wird, teilt Gott seine Güte ohne Auserwählung mit; insofern es nichts gibt, das nicht in irgendeiner Weise an seiner Güte teilhat, wie wir oben sagten (Frage [6], Artikel [4]). Aber wenn wir die Mitteilung dieses oder jenes besonderen Gutes betrachten, teilt er es nicht ohne Auserwählung zu; da er bestimmten Menschen gewisse Güter gibt, die er anderen nicht gibt. So ist in der Verleihung von Gnade und Herrlichkeit Auserwählung impliziert.
Zu Einwand 2: Wenn der Wille der wählenden Person durch das im gewählten Objekt bereits präexistierende Gute zur Wahl angeregt wird, muss die Wahl notwendigerweise von Dingen sein, die bereits existieren, wie es bei unserer Wahl geschieht. In Gott ist es anders; wie oben gesagt wurde (Frage [20], Artikel [2]). So sagt Augustinus (De Verb. Ap. Serm. 11): „Jene werden von Gott auserwählt, die nicht existieren; doch irrt Er nicht in seiner Wahl.“
Zu Einwand 3: Gott will, dass alle Menschen gerettet werden, durch seinen vorausgehenden Willen, was nicht einfachhin, sondern beziehungsweise wollen ist; und nicht durch seinen nachfolgenden Willen, was einfachhin wollen ist.