I, q. 113 a. 6
Ob der Schutzengel den Menschen jemals verlässt?
Quaestio 113 · Vom Schutz der guten Engel
Einwand 1: Es scheint, dass der Schutzengel den Menschen, zu dessen Schutz er bestellt ist, manchmal verlässt. Denn es wird (Jer 51,9) in der Person der Engel gesagt: „Wir wollten Babylon heilen, aber es ist nicht geheilt: lasst uns es verlassen.“ Und (Jes 5,5) steht geschrieben: „Ich werde den Zaun wegnehmen“ – das heißt, „den Schutz der Engel“ [Glosse] – „und er soll verwüstet werden.“
Einwand 2: Ferner übertrifft Gottes Schutz den der Engel. Aber Gott verlässt den Menschen zuweilen, gemäß Ps 21,2: „O Gott, mein Gott, sieh auf mich: warum hast du mich verlassen?“ Viel eher verlässt daher ein Schutzengel den Menschen.
Einwand 3: Ferner, gemäß Damascenus (De Fide Orth. ii, 3): „Wenn die Engel hier bei uns sind, sind sie nicht im Himmel.“ Aber manchmal sind sie im Himmel. Daher verlassen sie uns manchmal.
Dagegen spricht, dass die Dämonen uns immer bestürmen, gemäß 1 Petr 5,8: „Euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlingen kann.“ Viel mehr also behüten uns die guten Engel immer.
Ich antworte darauf, dass, wie oben ersichtlich (Artikel 2), der Schutz der Engel eine Wirkung der göttlichen Vorsehung in Bezug auf den Menschen ist. Nun ist es offensichtlich, dass weder der Mensch noch irgendetwas überhaupt gänzlich der Vorsehung Gottes entzogen ist: denn insofern ein Ding am Sein teilhat, insofern ist es der Vorsehung unterworfen, die sich über alles Sein erstreckt. Gott wird in der Tat gesagt, den Menschen zu verlassen, gemäß der Anordnung seiner Vorsehung, aber nur insofern, als er zulässt, dass der Mensch irgendeinen Mangel an Strafe oder Schuld erleidet. In gleicher Weise muss gesagt werden, dass der Schutzengel einen Menschen niemals gänzlich verlässt, sondern ihn manchmal in einer bestimmten Einzelheit verlässt, zum Beispiel indem er ihn nicht davor bewahrt, irgendeiner Drangsal unterworfen zu sein oder sogar in Sünde zu fallen, gemäß der Anordnung der göttlichen Gerichte. In diesem Sinne wird von Babylon und dem Haus Israel gesagt, sie seien von den Engeln verlassen worden, weil ihre Schutzengel nicht verhindert haben, dass sie der Trübsal unterworfen wurden.
Daraus ergeben sich die Antworten auf den ersten und zweiten Einwand.
Antwort auf Einwand 3: Obwohl ein Engel einen Menschen manchmal örtlich verlassen mag, verlässt er ihn aus diesem Grund nicht hinsichtlich der Wirkung seines Schutzes: denn selbst wenn er im Himmel ist, weiß er, was dem Menschen geschieht; noch braucht er Zeit für seine örtliche Bewegung, denn er kann in einem Augenblick beim Menschen sein.