I, q. 113 a. 2
Ob jeder einzelne Mensch von einem Engel beschützt wird?
Quaestio 113 · Vom Schutz der guten Engel
Einwand 1: Es scheint, dass nicht jeder einzelne Mensch von einem Engel beschützt wird. Denn ein Engel ist stärker als ein Mensch. Aber ein Mensch genügt, um viele Menschen zu bewachen. Daher kann viel mehr ein einziger Engel viele Menschen bewachen.
Einwand 2: Ferner werden die niederen Dinge durch die Vermittlung der höheren zu Gott geführt, wie Dionysius sagt (Coel. Hier. iv, xiii). Da aber alle Engel ungleich sind (Quaestio 50, Artikel 4), gibt es nur einen Engel, zwischen dem und den Menschen kein Mittler steht. Daher gibt es nur einen Engel, der die Menschen unmittelbar behütet.
Einwand 3: Ferner werden die größeren Engel zu den größeren Ämtern bestellt. Es ist aber kein größeres Amt, den einen Menschen mehr als den anderen zu behüten; da alle Menschen von Natur aus gleich sind. Da also unter allen Engeln einer größer ist als der andere, wie Dionysius sagt (Coel. Hier. x), scheint es, dass verschiedene Menschen nicht von verschiedenen Engeln beschützt werden.
Dagegen spricht, dass Hieronymus zu dem Text „Ihre Engel im Himmel“ usw. (Mt 18,10) sagt: „Groß ist die Würde der Seelen, dass eine jede von ihrer Geburt an einen Engel zum Schutz bestellt hat.“
Ich antworte darauf, dass jeder Mensch einen ihm zugeordneten Schutzengel hat. Dies beruht darauf, dass der Schutz der Engel zur Ausführung der göttlichen Vorsehung bezüglich der Menschen gehört. Die Vorsehung Gottes aber wirkt unterschiedlich hinsichtlich der Menschen und hinsichtlich anderer vergänglicher Geschöpfe, denn sie verhalten sich unterschiedlich zur Unvergänglichkeit. Denn die Menschen sind nicht nur in der gemeinsamen Spezies unvergänglich, sondern auch in den eigentümlichen Formen jedes Einzelnen, welche die vernunftbegabten Seelen sind; was von anderen vergänglichen Dingen nicht gesagt werden kann. Nun ist es offenkundig, dass die Vorsehung Gottes hauptsächlich auf das ausgeübt wird, was für immer bleibt; wohingegen die Vorsehung Gottes hinsichtlich der Dinge, die vergehen, so wirkt, dass sie deren Existenz auf die Dinge hinordnet, die ewig sind. So verhält sich die Vorsehung Gottes zu jedem einzelnen Menschen so, wie sie sich zu jeder Gattung oder Art vergänglicher Dinge verhält. Aber gemäß Gregor (Hom. xxxiv in Evang.) sind die verschiedenen Chöre den verschiedenen „Gattungen“ der Dinge zugeteilt, zum Beispiel die „Mächte“ zur Bändigung der Dämonen, die „Tugenden“ (Kräfte) zum Wirken von Wundern in körperlichen Dingen; während es wahrscheinlich ist, dass den verschiedenen Arten verschiedene Engel desselben Chores vorstehen. Daher ist es auch vernünftig anzunehmen, dass verschiedene Engel zum Schutz verschiedener Menschen bestellt sind.
Antwort auf Einwand 1: Ein Wächter kann einem Menschen aus zwei Gründen zugeteilt werden: erstens, insofern ein Mensch ein Einzelwesen ist, und so gebührt einem Menschen ein Wächter; und manchmal werden mehrere bestellt, um einen zu bewachen. Zweitens, insofern ein Mensch Teil einer Gemeinschaft ist, und so wird ein Mensch als Wächter einer ganzen Gemeinschaft bestellt; dem es zukommt, für das zu sorgen, was einen Menschen in seiner Beziehung zur ganzen Gemeinschaft betrifft, wie etwa äußere Werke, die für andere Quellen der Stärke oder Schwäche sind. Aber Schutzengel werden den Menschen auch hinsichtlich unsichtbarer und verborgener Dinge gegeben, die das Heil eines jeden in seiner eigenen Hinsicht betreffen. Daher werden einzelne Engel bestellt, um einzelne Menschen zu bewachen.
Antwort auf Einwand 2: Wie oben dargelegt (Quaestio 112, Artikel 3, ad 4), werden alle Engel der ersten Hierarchie in einigen Dingen unmittelbar von Gott erleuchtet; in anderen Dingen aber werden nur die höheren unmittelbar von Gott erleuchtet, und diese offenbaren sie den niederen. Und dasselbe gilt auch für die niederen Chöre: denn ein niedrigerer Engel wird in mancher Hinsicht von einem der höchsten und in anderer Hinsicht von dem unmittelbar über ihm stehenden erleuchtet. So ist es möglich, dass irgendein Engel einen Menschen unmittelbar erleuchtet und doch andere Engel unter sich hat, die er erleuchtet.
Antwort auf Einwand 3: Obwohl die Menschen der Natur nach gleich sind, besteht dennoch Ungleichheit unter ihnen, je nachdem die göttliche Vorsehung einige zu größeren und andere zu geringeren Dingen ordnet, gemäß Sirach 33,11.12: „In der Fülle seiner Erkenntnis hat der Herr sie geschieden und ihre Wege unterschiedlich bestimmt: Einige von ihnen hat er gesegnet und erhöht, und einige von ihnen hat er verflucht und erniedrigt.“ So ist es ein größeres Amt, den einen Menschen zu bewachen als den anderen.