I, q. 113 a. 8
Ob es Streit oder Zwietracht unter den Engeln geben kann?
Quaestio 113 · Vom Schutz der guten Engel
Einwand 1: Es scheint, dass es Streit oder Zwietracht unter den Engeln geben kann. Denn es steht geschrieben (Ijob 25,2): „Der Frieden schafft in seinen Höhen.“ Aber Streit ist dem Frieden entgegengesetzt. Daher gibt es unter den hohen Engeln keinen Streit.
Einwand 2: Ferner kann es dort, wo vollkommene Liebe und gerechte Autorität herrschen, keinen Streit geben. Aber all dies existiert unter den Engeln. Daher gibt es keinen Streit unter den Engeln.
Einwand 3: Ferner, wenn wir sagen, dass Engel für jene streiten, die sie behüten, muss notwendigerweise ein Engel die eine Seite und ein anderer Engel die entgegengesetzte Seite einnehmen. Aber wenn eine Seite im Recht ist, ist die andere Seite im Unrecht. Es würde also folgen, dass ein guter Engel ein Förderer des Unrechts ist; was unziemlich ist. Daher gibt es keinen Streit unter guten Engeln.
Dagegen spricht, was geschrieben steht (Dan 10,13): „Der Fürst des Königreiches der Perser widerstand mir einundzwanzig Tage.“ Aber dieser Fürst der Perser war der Engel, der zum Schutz des Königreiches der Perser bestellt war. Daher widersteht ein guter Engel den anderen; und so gibt es Streit unter ihnen.
Ich antworte darauf, dass die Aufwerfung dieser Frage durch diese Stelle bei Daniel veranlasst ist. Hieronymus erklärt sie, indem er sagt, dass der Fürst des Königreiches der Perser der Engel ist, der sich der Befreiung des Volkes Israel widersetzte, für das Daniel betete, wobei seine Gebete von Gabriel vor Gott gebracht wurden. Und dieser sein Widerstand mag dadurch verursacht worden sein, dass irgendein Fürst der Dämonen die jüdischen Gefangenen in Persien zur Sünde verleitet hatte; welche Sünde ein Hindernis für die Wirksamkeit des Gebets war, das Daniel für ebendieses Volk darbrachte.
Aber gemäß Gregor (Moral. xvii) war der Fürst des Königreiches Persien ein guter Engel, der zum Schutz jenes Königreiches bestellt war. Um also zu sehen, wie von einem Engel gesagt werden kann, er widerstehe einem anderen, müssen wir beachten, dass die göttlichen Gerichte in Bezug auf verschiedene Königreiche und verschiedene Menschen durch die Engel ausgeführt werden. Nun werden die Engel in ihren Handlungen durch den göttlichen Ratschluss regiert. Aber es geschieht zuweilen, dass in verschiedenen Königreichen oder verschiedenen Menschen gegensätzliche Verdienste oder Missverdienste vorliegen, so dass einer von ihnen einem anderen unterworfen oder übergeordnet wird. Was die Anordnung der göttlichen Weisheit in solchen Angelegenheiten ist, können die Engel nicht wissen, es sei denn, Gott offenbare es ihnen: und so müssen sie die göttliche Weisheit hierüber befragen. Insofern sie also den göttlichen Willen bezüglich verschiedener gegensätzlicher und widerstreitender Verdienste befragen, wird gesagt, dass sie einander widerstehen: nicht dass ihre Willen im Gegensatz stünden, da sie alle eines Sinnes hinsichtlich der Erfüllung des göttlichen Ratschlusses sind; sondern dass die Dinge, über die sie Erkenntnis suchen, im Gegensatz stehen.
Daraus sind die Antworten auf die Einwände klar.