I, q. 113 a. 4
Ob Engel zum Schutz aller Menschen bestellt sind?
Quaestio 113 · Vom Schutz der guten Engel
Einwand 1: Es scheint, dass Engel nicht zum Schutz aller Menschen bestellt sind. Denn es steht über Christus geschrieben (Phil 2,7), dass er „den Menschen gleich geworden und der Erscheinung nach als Mensch erfunden“ wurde. Wenn also Engel zum Schutz aller Menschen bestellt sind, hätte auch Christus einen Schutzengel gehabt. Dies aber ist unziemlich, denn Christus ist größer als alle Engel. Daher sind Engel nicht zum Schutz aller Menschen bestellt.
Einwand 2: Ferner war Adam der erste aller Menschen. Aber es war nicht angemessen, dass er einen Schutzengel hatte, zumindest nicht im Stand der Unschuld: denn damals war er von keinen Gefahren bedroht. Daher sind Engel nicht zum Schutz aller Menschen bestellt.
Einwand 3: Ferner werden Engel zum Schutz der Menschen bestellt, damit sie diese an der Hand nehmen und zum ewigen Leben führen, sie zu guten Werken ermutigen und gegen die Angriffe der Dämonen beschützen. Aber Menschen, die zur Verdammnis vorhergewusst sind, gelangen niemals zum ewigen Leben. Auch Ungläubige, obwohl sie zuweilen gute Werke verrichten, verrichten sie nicht gut, denn sie haben keine rechte Absicht: denn „der Glaube lenkt die Absicht“, wie Augustinus sagt (Enarr. ii in Ps 31). Überdies wird das Kommen des Antichrist „nach der Wirksamkeit des Satans“ sein, wie geschrieben steht (2 Thess 2,9). Daher sind Engel nicht zum Schutz aller Menschen bestellt.
Dagegen spricht die oben zitierte Autorität des Hieronymus (Artikel 2), denn er sagt, dass „jede Seele einen Engel hat, der bestellt ist, sie zu behüten“.
Ich antworte darauf, dass der Mensch, solange er in diesem Lebensstand ist, sich gleichsam auf einem Weg befindet, auf dem er zum Himmel reisen soll. Auf diesem Weg wird der Mensch von vielen Gefahren bedroht, sowohl von innen als auch von außen, gemäß Ps 141,4: „Auf diesem Weg, den ich ging, haben sie mir eine Schlinge gelegt.“ Und deshalb, wie Wächter für Menschen bestellt werden, die einen unsicheren Weg passieren müssen, so wird jedem Menschen ein Schutzengel zugewiesen, solange er ein Pilger ist. Wenn er jedoch am Ende des Lebens ankommt, hat er keinen Schutzengel mehr; sondern im Königreich wird er einen Engel haben, der mit ihm herrscht, in der Hölle einen Dämon, der ihn straft.
Antwort auf Einwand 1: Christus als Mensch wurde unmittelbar vom Wort Gottes geleitet: weshalb er nicht von einem Engel beschützt zu werden brauchte. Auch war er hinsichtlich seiner Seele ein Schauender (comprehensor), wenngleich er hinsichtlich seines leidensfähigen Leibes ein Pilger (viator) war. In dieser letzteren Hinsicht war es recht, dass er keinen Schutzengel als einen ihm Überlegenen hatte, sondern einen dienenden Engel als einen ihm Unterlegenen. Daher steht geschrieben (Mt 4,11), dass „Engel kamen und ihm dienten“.
Antwort auf Einwand 2: Im Stand der Unschuld war der Mensch von keiner Gefahr von innen bedroht: weil in ihm alles wohlgeordnet war, wie wir oben gesagt haben (Quaestio 95, Artikel 1 und 3). Aber Gefahr drohte von außen aufgrund der Nachstellungen der Dämonen; wie durch das Ereignis bewiesen wurde. Aus diesem Grund bedurfte er eines Schutzengels.
Antwort auf Einwand 3: So wie die Vorhergewussten, die Ungläubigen und sogar der Antichrist nicht der inneren Hilfe der natürlichen Vernunft beraubt sind, so sind sie auch nicht jener äußeren Hilfe beraubt, die Gott dem ganzen Menschengeschlecht gewährt – nämlich des Schutzes der Engel. Und obwohl die Hilfe, die sie daraus empfangen, nicht dazu führt, dass sie durch gute Werke das ewige Leben verdienen, trägt sie dennoch dazu bei, dass sie vor gewissen Übeln bewahrt werden, die sowohl ihnen selbst als auch anderen schaden würden. Denn selbst die Dämonen werden von den guten Engeln abgehalten, damit sie nicht so viel schaden, wie sie würden. In gleicher Weise wird der Antichrist nicht so viel Schaden anrichten, wie er wünschen würde.