I, q. 113 a. 1
Ob die Menschen von Engeln beschützt werden?
Quaestio 113 · Vom Schutz der guten Engel
Einwand 1: Es scheint, dass die Menschen nicht von Engeln beschützt werden. Denn Wächter werden jenen zugeteilt, die sich entweder nicht zu schützen wissen oder dazu nicht fähig sind, wie Kinder und Kranke. Der Mensch aber vermag sich durch seinen freien Willen selbst zu schützen und weiß dies durch seine natürliche Erkenntnis des natürlichen Gesetzes. Daher wird der Mensch nicht von einem Engel beschützt.
Einwand 2: Ferner macht eine starke Wache eine schwächere überflüssig. Die Menschen aber werden von Gott beschützt, gemäß Ps 120,4: „Siehe, der Hüter Israels schläft und schlummert nicht.“ Daher braucht der Mensch nicht von einem Engel beschützt zu werden.
Einwand 3: Ferner fällt der Verlust des Bewachten auf die Nachlässigkeit des Wächters zurück; daher wurde zu einem gewissen Mann gesagt: „Bewache diesen Mann; wenn er entwischt, so soll dein Leben für sein Leben einstehen“ (1 Kön 20,39). Nun gehen täglich viele dadurch zugrunde, dass sie in Sünde fallen; diesen könnten die Engel durch sichtbares Erscheinen oder durch Wunder oder auf ähnliche Weise helfen. Die Engel wären also nachlässig, wenn die Menschen ihrer Hut übergeben wären. Dies aber ist offensichtlich falsch. Also sind die Engel nicht die Wächter der Menschen.
Dagegen spricht, was geschrieben steht (Ps 90,11): „Er hat seinen Engeln befohlen, dich zu behüten auf all deinen Wegen.“
Ich antworte darauf, dass wir gemäß der Ordnung der göttlichen Vorsehung finden, dass in allen Dingen das Bewegliche und Veränderliche durch das Unbewegliche und Unveränderliche bewegt und geregelt wird; so wie alle körperlichen Dinge durch unbewegliche geistige Substanzen und die niederen Körper durch die höheren, die in ihrer Substanz unveränderlich sind. Auch wir selbst werden hinsichtlich der Schlussfolgerungen, über die wir verschiedene Meinungen haben können, durch die Prinzipien geregelt, die wir auf unveränderliche Weise innehaben. Es ist zudem offenkundig, dass hinsichtlich der zu tuenden Dinge die menschliche Erkenntnis und Neigung auf vielerlei Weise variieren und vom Guten abfallen kann; und so war es notwendig, dass Engel zum Schutz der Menschen bestellt wurden, um sie zu regeln und zum Guten zu bewegen.
Antwort auf Einwand 1: Durch den freien Willen kann der Mensch das Böse bis zu einem gewissen Grad meiden, aber nicht in hinreichendem Maße; denn er ist in seiner Zuneigung zum Guten schwach aufgrund der mannigfaltigen Leidenschaften der Seele. Ebenso leitet die allgemeine natürliche Erkenntnis des Gesetzes, die dem Menschen von Natur aus zukommt, den Menschen bis zu einem gewissen Grad zum Guten, aber nicht in hinreichendem Maße; denn bei der Anwendung der allgemeinen Prinzipien des Gesetzes auf einzelne Handlungen geschieht es, dass der Mensch auf vielerlei Weise fehlt. Daher steht geschrieben (Weish 9,14): „Die Gedanken der Sterblichen sind ängstlich, und unsicher sind unsere Überlegungen.“ So bedarf der Mensch des Schutzes durch die Engel.
Antwort auf Einwand 2: Zwei Dinge sind für eine gute Handlung erforderlich: erstens, dass die Neigung zum Guten geneigt sei, was in uns durch den Habitus der eingegossenen Tugend bewirkt wird. Zweitens, dass die Vernunft die geeigneten Mittel entdecke, um das Gut der Tugend zu vollenden; dies schreibt der Philosoph (Ethic. vi) der Klugheit zu. Hinsichtlich des Ersten beschützt Gott den Menschen unmittelbar, indem er ihm Gnade und Tugenden eingießt; hinsichtlich des Zweiten beschützt Gott den Menschen als sein allgemeiner Unterweiser, dessen Vorschriften den Menschen durch die Vermittlung der Engel erreichen, wie oben dargelegt (Quaestio 111, Artikel 1).
Antwort auf Einwand 3: Wie die Menschen vom natürlichen Instinkt des Guten aufgrund einer sündhaften Leidenschaft abweichen, so weichen sie auch von der Anregung der guten Engel ab, die unsichtbar geschieht, wenn diese den Menschen erleuchten, damit er das Rechte tue. Dass also Menschen zugrunde gehen, ist nicht der Nachlässigkeit der Engel zuzuschreiben, sondern der Bosheit der Menschen. Dass sie den Menschen manchmal sichtbar außerhalb des gewöhnlichen Laufs der Natur erscheinen, kommt aus einer besonderen Gnade Gottes, ebenso wie Wunder außerhalb der Ordnung der Natur geschehen.